Songwriter-Rock

Der Sensible: Isaac Gracie kommt ins Bi Nuu

Wer Jeff Buckley vermisst, den kann ein 23 Jahre junger Mann nun trösten: Isaac Gracie kennt und benennt menschliche Abgründe. Wenn er vom Verlust singt – welch Gewinn!

Foto: Bunny Kinney

Isaac Gracie gilt als eines der derzeit vielversprechendsten Singer-Songwriter-Talente. In seiner Heimat Großbritannien sorgt er mit seiner Musik für Begeisterungsstürme. Sein Versuch, seine Gefühlswelt in seinen Liedern so authentisch wie möglich nachzubilden, lässt selbst Koryphäen wie Zane Lowe nicht kalt. Der einflussreiche Radiomoderator spielte Isaac Gracies „Last Words“ rauf und runter. Das war der allererste Titel, den der 23-Jährige auf Soundcloud veröffentlicht hatte – und die Initialzündung für seine Musikerkarriere. Diese Ballade sorgte für so viel Wirbel, dass der US-Universal-Chef eigens von Los Angeles nach London flog, um sich ein Konzert des Nachwuchstalents anzusehen. Danach hatte Isaac Gracie einen Plattenvertrag in der Tasche.

Das muss der schönste Moment seines Lebens gewesen sein, sollte man meinen. War es aber nicht. Das Sensibelchen stürzte in eine handfeste Sinnkrise; der Hype um seine Person war ihm nicht geheuer. „Ich dachte, nur jemand wie Bob Dylan würde einen Plattenvertrag kriegen“, gesteht er. „Die Vorstellung, dass ich ein erfolgreicher Musiker werden könnte, passte einfach nicht in mein Weltbild.“ Bewusste Tiefstapelei? Mitnichten. Isaac Gracie ist keinesfalls so großmäulig wie etwa die Gallagher-Brüder. Beim Interview im Berliner Büro seiner Plattenfirma tut er sich schwer damit, Blickkontakt zu halten. Meist schaut er zur Seite, während er redet, was wohl seiner Unsicherheit geschuldet ist. Dabei sieht er eigentlich aus wie ein cooler Grunge-Rocker. Sein Karohemd hat er ziemlich tief aufgeknöpft, damit jeder seinen Kettenanhänger sieht: ein großes Kreuz. Leicht zerzaust hängt ihm seine lange Mähne ins Gesicht, die Spitzen sind blondiert. „Eine Zeit lang habe ich meine Haar hellblond gefärbt“, sagt er. „Aber nicht, um Kurt Cobain zu imitieren.“

Den Nirvana-Sänger zählt er durchaus zu seinen Vorbildern. Deutlich mehr hat ihn indes Jeff Buckley musikalisch beeinflusst. Wie bei seinem Idol sind Isaac Gracies Songs immer schwer zuzuordnen. Mal entlockt er seiner akustischen Gitarre auf seinem selbstbetitelten Debütalbum folkig-leise Klänge, mal holt er aus seiner E-Gitarre harsche Riffs heraus. Mit dem überraschend lärmenden „The Death of you & I“-Refrain schwimmt er im Nirvana-Kielwasser. Das ist die musikalische Kante, an der man sich reiben kann. Ansonsten prägen eher eingängige Melodien den Sound. Die Midtempo-Nummer „Running on empty“ schwelgt in Opulenz. Bei „Telescope“ klingt Isaac Gracies Stimme der von Jeff Buckley zum Verwechseln ähnlich. Für „Silhouettes of you“ schraubt sich sein Gesang in die Höhe. „Last Words“ überschreitet trotz der dezenten Streicher nie die Grenze zum Kitsch.

In den Texten spricht Isaac Gracie über sein Leben – offen und ehrlich. Er hat sie fast alle in seinem Zimmer im Haus seiner Mutter im Londoner Stadtteil Ealing geschrieben. Dort ist er wieder eingezogen, nachdem er sein Studium mit den Schwerpunkten englische Literatur und kreatives Schreiben für seine Musik aufgegeben hat. Zumindest anfangs ist ihm diese Neuorientierung nicht leichtgefallen. Schließlich fiel nicht nur seine akademische Ausbildung seinem prall gefüllten Tourkalender zum Opfer, sondern auch seine Beziehung. „Auf einmal bewegten meine Freundin und ich uns in zwei völlig unterschiedlichen Welten“, sagt Isaac Gracie. „Das hat nicht funktioniert – also hat sie mich verlassen.“ Die Trennung brach ihm das Herz, nein, besser: Sie hat ihn komplett aus der Bahn geworfen.

Wenn er in „Terrified“ von alkoholgeschwängerten Nächten singt oder in „Last Words“ über Kokain spricht, wird endgültig klar: Er gehört in die Legion dieser melancholischen Singer-Songwritern, die Leben und Entlieben ganz besonders schwer nehmen. Und ihren Schmerz dann manchmal zu betäuben versuchen. Über seine zeitweiligen Abstürze möchte Isaac Gracie allerdings nicht reden. „Drogen“, erklärt er, „darf man nicht glorifizieren.“ Seiner Erfahrung nach ziehen sie einen bloß runter: „Ich war plötzlich jemand, der ich nicht sein wollte.“ Zum Glück brachte ihn seine Musik wieder in die richtige Spur zurück. Nicht zum ersten Mal hat sie ihm in einer Krisensituation geholfen. Als sein Vater sich von seiner Mutter scheiden ließ, fand der kleine Isaac Trost beim Ealing Broadway Choir. Dort hat er sieben Jahre gesungen – bis zum Stimmbruch. „Das war für mich eine traumatische Erfahrung“, erinnert er sich. „Ich musste den Chor von heute auf morgen verlassen.“

Sein Plan war es, mit 18 als Tenor zurückzukehren. Doch dann entdeckte er als 14-Jähriger die Gitarre für sich, er spielte Songs von Radiohead oder Jeff Buckley nach Gehör – so brachte er sich dieses Instrument selber bei. Zwei Jahre später schrieb er zum ersten Mal eigene Songs. Zunächst verweigerte er sich jeder Form von Unterstützung. Er wollte lediglich für sich zuhause Musik machen, nicht mehr und nicht weniger. Erst mit Markus Dravs fand er einen Seelenverwandten, der bei der Produktion seine ordnende Hand über die elf Stücke halten durfte. So reifte „Isaac Gracie“ zu einer Platte, die vom geradlinigen Erzählen und ihrer Vielseitigkeit lebt. Der Brite hat sie seiner Mutter gewidmet, der Psychoanalytikerin und Poetin Judith Gracie. „Obgleich es zwischen uns einige Turbulenzen gab, stehe ich ihr sehr nah. Sie ist einfach eine tolle Frau.“ Wer so was sagt, der muss ein toller Mann sein, nicht?

Bi Nuu Im U-Bhf. Schlesisches Tor, Kreuzberg, Di 8.5., 21 Uhr, VVK 19,90 €

Mehr über Cookies erfahren