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Klassik

Der zukünftige Chef der Berliner Philharmoniker Kirill Petrenko

Der sibirische Stubentiger: Noch ist Kirill Petrenko als Chef der ­Berliner Philharmoniker nicht da.
Schatten wirft er schon voraus

Foto: Wilfried Hoesl

Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: „Penetrenko“, so nennen Musiker den künftigen Publikumsliebling von der Philharmonie. Weil der kleine, haarig-knuddelige Mann ganz schön nerven kann, wenn es darum geht, seine auf Kante gelegten, mit dem Rasiermesser konturierten Feinst-Interpretationen durchzusetzen.

Musiker haben das nicht so gern. Die Herzen seiner Münchner Zuhörer indes (Petrenko ist Chef der Bayerischen Staatsoper) eroberte der in Omsk gebürtige, mithin sibirische Stubentiger im Sprung. Zuvor in Berlin (2002-2007 an der Komischen Oper) war es nicht ganz so dolle, weil Petrenko uneitel an seinem Orchester feilte, anstatt selber Erfolge einzufahren. Mit seiner Wahl zum Nachfolger von Simon Rattle haben die Berliner Philharmoniker so klug gehandelt wie nur möglich. Auch wenn zuzugeben ist, dass Petrenko sehr viel Repertoire erst noch lernen muss, da er es noch nicht kennt. Er ist Opernmann.

Seine Ära fängt erst 2019 an. Alles andere ist Vorspiel. Petrenko will an den bestehenden Education- und Digital-Erbstücken der Rattle-Zeit angeblich nichts ändern. Doch dass er das Repräsentieren schon gelernt hat, merkt man daran, dass von den 13 Konzerten, die er in dieser Spielzeit sein künftiges Orchester dirigiert, nur fünf (!) in Berlin stattfinden. Der Rest auf Tournee.
Da sieht man, was beim Einstieg des Bundes bei den Berliner Philharmonikern herausgekommen ist. Berlin ist nur bescheidene Heimstatt. Die wichtigsten Auftritte finden anderswo statt. In der kommenden Interims-Spielzeit muss man sich übrigens entscheiden, ob man den wegen Belästigungsvorwürfen in Amsterdam geschassten Daniele Gatti als Gastdirigenten in Baden-Baden beibehält – oder ersetzt. Eine Zwickmühle. Ansonsten lässt die Saison einen sachte beginnenden Generationswechsel ahnen. Mit den großen Alten wie Haitink, Blomstedt oder Mehta will man es sich nicht verscherzen (was richtig ist). Immerhin kommen François-Xavier Roth, Jakub Hrůša und weitere Youngster. Mit George Benjamin gibt es einen durchaus interessanten Composer in residence.

Die kommende Ära wird ersichtlich eine des Repertoire-Rollbacks werden; schon deshalb, weil Petrenko so unerfahren ist und nicht möchte, dass es so bleibt. Also muss er sich dem Stammrepertoire widmen. Innerer Schliff wird sein Programm sein. Laufen lassen ist nicht seins.
Auf kleine Daumenschrauben des eigensinnigen Mannes sollte man sich auch gefasst machen. Schon das Programm des ersten Abends – mit Strauss’ „Don Juan“, „Tod und Verklärung“ sowie Beethovens 7. Symphonie – ist nur insofern interessant, als derzeit alles interessant ist, was Petrenko macht. Und deshalb ausverkauft. Gewiss wittern die Philharmoniker eine Chance, ihre Internet-Übertragung in der Digital Concert Hall endlich finanziell flott zu kriegen (9,90 Euro für sieben Tage). Damit der Stubentiger nach Hause kommt. Gratis gibt’s das Ganze übrigens im Radio.

Philharmonie Herbert-von-Karajan-Str. 1, Tiergarten, Fr 24.8., 19 Uhr (ausverkauft); Übertragung auf digitalconcerthall.com

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