Festival

Wie Techno die Stadt verändern kann: Detroit – Berlin

Das Festival „Detroit – Berlin: One Circle“ im HAU stellt die Frage, was Detroit, die Wiege des Techno, lernen kann von der Stadt, in der diese Subkultur zum Phänomen wurde: Berlin. Ein Frage, die auch eine politische ist

Olad Aden, be troit

Spricht man mit Dimitri Hegemann über den Niedergang von Detroit, so ist er ­zuweilen fassungslos: „Wie kann es sein, dass eine Stadt mit dieser unvergleichlichen Musik­geschichte heute kaum Clubkultur hat und keine guten Arbeitsstätten für Künstler?“, fragt er sich. Hegemann, Gründer des Clubs Tresor, hat wie so viele Jünger des 90er-Techno eine besondere Beziehung zur „Motor City“ in Michigan. Von dort kam der Sound, zu dem in den dunklen, maroden Kellern Berlins getanzt wurde. Ohne Detroit Techno, ohne Juan Atkins und Derrick May, sähe die Subkultur von Berlin heute anders aus.

Während Berlin knapp 30 Jahre später ein hippes und immer teureres Pflaster ist, geht es Detroit dreckig. Seit 2009 haben 250.000 Menschen die einstige Millionenstadt verlassen, etwa 670.000 Menschen leben dort heute noch. Vor fünf Jahren war Detroit pleite, Fotos von verlassenen und verfallenden Gegenden gingen als „Ruin Porn“ um die Welt. Rund ein Drittel der Bevölkerung, die zu mehr als 80 Prozent aus Afroamerikanern besteht, lebt unter der Armutsgrenze. Hegemann überlegt, wie man helfen kann: „Für mich stellt sich die Frage: Was können wir zurückgeben?“

Das Festival „Detroit – Berlin: One Circle“, das nun im HAU startet und bei dem er zu Gast ist, geht noch einen Schritt weiter. Es stellt die Frage, wie beide Städte vom Kulturaustausch profitieren können. Was kann man von den künstlerischen Szenen, der Alltagskultur, der kulturellen Praxis des jeweils anderen mitnehmen? Wo sind die Problemzonen beider Städte? An vier Tagen zeigen Künstlerinnen und Künstler Dokumentationen von Besuchen in Detroit, es wird über die Rolle von Kulturakteuren diskutiert, und die gemeinsame Techno-Vergangenheit nimmt man zum Anlass, um über Night Time Economy zu sprechen.

Für Hegemann ist etwa klar, dass das Detroiter Nachtleben ein Schlüssel sein kann, damit die einstige Autostadt wieder auf die Beine kommt – aber nicht in seiner derzeitigen Form: „Die Clubs in Detroit schließen aktuell um zwei Uhr morgens. Die Sperrstunde ist ein riesiges Problem für die Stadt.“ Durch das von ihm mitinitiierte Netzwerk Detroit-Berlin-Connection (DBC), das Kulturakteure beider Städte zusammenbringt, hat Hegemann einen engen Draht in die ehemalige Autostadt. Er gibt seinen dortigen Freunden und Bürgermeister Mike Duggan den Rat: „Öffnet die Nacht, lockert die Sperrstunde! Gebt den Kreativen Raum für Zwischennutzung!“ Ein erster Schritt ist getan, im North End der Stadt ist ein Pilotprojekt in Planung: In einer „Zoned Area“ soll es bis vier Uhr Alkoholausschank geben und die Clubs dürfen bis sechs Uhr geöffnet haben. Weitere Beispiele, wie der Austausch Veränderung schafft: Das Berliner Musicboard hat sich in Detroit vorgestellt, das Modell stößt dort auf reges Interesse – und das Musicboard selbst vergibt inzwischen ein Detroit-Stipendium. Zudem wird die Re:publica in naher Zukunft in Detroit gastieren, auch Sasha Waltz plant einen Auftritt dort.

Dass Detroit den Input von der Spree gut gebrauchen kann, ist einigermaßen klar – aber kann sich Berlin auch von Detroit etwas abgucken? Auch da gab es bereits spannende Ansätze. Vor zwei Jahren hat die DBC versucht, das Format „DetroitSoup“ nach Berlin zu importieren. DetroitSoup ist ein Nachbarschaftsdinner, bei dem man auf ein abendliches Süppchen zusammenkommt und sich dabei Gedanken um die Kiezentwicklung macht: An jedem dieser Abende werden vier soziale und/oder kreative Projekte vorgestellt, von denen am Ende in einer Abstimmung eines ausgewählt wird. Der Gewinner erhält Mittel zur Entwicklung des Projekts. Vor zwei Jahren fand erstmals das Berliner Pendant BerlinSoup statt – man darf hoffen, dass die Idee an der Spree weiterverfolgt wird.

Tresor, 1993

Für Pascal Jurt, Mitkurator des HAU-Festivals, kann Detroit allerdings auch als Negativfolie herhalten: „Als Stadt kann Detroit auch ein Fanal sein, das zeigt, was passiert, wenn es in einer Stadt kein funktionierendes Sozialsystem mehr gibt, wenn eine Stadt ganz aufgegeben wird.“ In den Kämpfen der ärmeren Bevölkerungsschichten um Wohnraum sieht er Parallelen, hier wie dort sind viele Menschen von Zwangsräumungen betroffen. „Die Wohnungsfrage ist in Berlin essenziell“, glaubt er, „und weil es eine der entscheidenden Fragen ist, die alle betrifft, sehe ich darin eine Chance für linke Bewegungen.“

Die alternative Kultur, sagt Hegemann, habe Berlin zu dem gemacht, was es heute sei. Das gelte es um jeden Preis zu erhalten: „Das schräge Element ist die Seele einer Stadt“, meint der 63-Jährige. Der enge Austausch beider Städte sei somit auch ein Aufeinandertreffen eigentümlicher Individuen, die ihre Ideen in die jeweils andere Stadt, das jeweils andere Land exportieren: „Am Ende bringen wir einfach die Leute zusammen. Wir sind so etwas wie eine kleine UN der Kultur.“

HAU  Hallesches Ufer 32, Kreuzberg, Mi 30.5.–Sa 2.6., alle Infos: www.hebbel-am-ufer.de

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