Konzerte & Party

„Die 120 Tage von Sodom“ in der Volksbühne

120 Tage von Sodom

Dies ist ein Abend für Nostalgiker, die sich noch einmal an linkssentimentalen Parolen erfreuen wollen. Es ist eine übersichtliche Welt, in der Kapitalisten und Politiker selbstverständlich sadistische Mörder, Amerikaner Imperialisten und Bischöfe Kinderschänder sind. Das Volk degeneriert im debilen „Konsumfaschismus“ und hat nichts Besseres als die Dauervergewaltigungen auf den Orgien der blutlüsternen Machtelite verdient. Kapitalismuskritik für Dummies. Auch ältere Herren im Publikum, die länger auf die Freuden des Fleisches verzichten mussten, werden an diesem heiteren Polit-Porno-Abend beim großzügig gewährten Anblick im Dienste der Systemkritik entblößter Brüste ihre sabbernde Freude haben. Hans Kresnik, der alte Brachial-Tanztheater-Haudegen mit den klaren Feindbildern, is back in town! Und die Volksbühne fühlt sich wieder an wie ein Endlager für verbitterte Kulturbetriebsrevolutionäre. Die Hoffnung, dass der im Vorfeld der Premiere gestreute Warnhinweis, der Abend sei nicht für Zuschauer unter 18 Jahren geeignet, für einen kleinen Skandal sorgen könnte, ging nicht auf: Kresniks Porno-Scherze regen nicht einmal mehr die „Bild“-Zeitung auf.
Dabei hatten sich Kresnik und sein lustiger Librettist, der große Denker Christoph Klimke, einen Stoff mit höchstmöglichem Schockpotenzial ausgesucht: Pasolinis Film „Die 120 Tage von Sodom“, in dem eine Gruppe von Militärs, Politikern, Geistlichen und Unternehmern in blutigen Sexorgien ihre Opfer zu Tode foltert – politisch-ökonomische Herrschaft als sadomasochistischer Terror. Bei Kresnik müssen sich die geschändeten Tänzer zwecks Konsumkritik zwischen mit „Ritalinin“- und „NSA“-Kartons gefüllten Supermarktregalen winden (Bühne: Gottfried Helnwein). Spätestens, als die Gefolterten die Wahl haben, den Kot des Bischofs zu verspeisen oder erschossen zu werden, bekommt der Abend dank der unfreiwilligen Komik den heiteren Charme einer Trash-Operette. Sie erreicht ihre komischen Höhepunkte, als die chorus line der bandagierten Folteropfer-Mumien im Stil früher MTV-Videos an der Rampe tänzelt, wenn die Herren der Oberklasse ihre Hamburger vom nackten Leib einer jungen Frau verspeisen und genussvoll die Salatblätter an deren Brüste drücken oder wenn der Komiker Ismael Ivo als Operetten-General einem jungen Mann Fleischstücke aus dem Hinterteil säbelt, um sie anschließend freudig zu verspeisen.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

120 Tage von Sodom, Volksbühne, Sa 6.6, 19 Uhr, So 21.6., 19.30 Uhr, ?Karten-Tel. 24 06 57 77

Mehr über Cookies erfahren