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Die Anfänge des HipHop in Berlin

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Mit dieser Einstellung gingen wir damals ans Werk, zerstörten deutschen Rap und veranstalteten später unsere Freestyle-Abende in einem Musikcafй namens Royalbunker. Auch wenn keiner von uns (außer Savas) direkt etwas mit den Gangs zu tun gehabt hatte und wir aus Zehlendorf, Steglitz, Wittenau, dem Wedding, aus dem Märkischen Viertel oder, wie ich, sogar aus Stuttgart kamen, wir verstanden uns als die echten Erben der Berliner Schnauze und als einzig legitime Vertreter der Battle-Rap-Kultur. Wir verachteten die spießigen Heidelberger, die den Zulu-Nation-Ehrenkodex auswendig gelernt hatten. Wir hassten die Hamburger, weil die gesamte Musikindustrie damals noch in Hamburg saß und sie damals schon Platten rausbringen durften, als wir noch nicht mal Tapes hatten, und wir verabscheuten die Stuttgarter, die mit ihrem Lustig-lustig-HipHop die Charts regierten und der Welt einen Rap präsentierten, der mit unserem nichts, aber auch gar nichts zu tun hatte. Die Fantastischen Vier, das waren keine Rapper für uns. Das waren Leute, die zufälligerweise auch auf Deutsch reimten. Popmusiker vielleicht. Aber keine Rapper. Wir waren hardcore. Wir waren Untergrund. Wir hatten recht. Punkt.
TaktDas Ironische an dieser Geschichte ist, dass viele Jahre später aus dieser Haltung eine der kommerziell erfolgreichsten deutschen Rap-Strömungen entstehen sollte. Anfang des Jahrtausends wurde der Berliner Assi-Rap zu einem Markenzeichen und trat mit AGGRO Berlin einen Siegeszug durch die deutsche Poplandschaft an, der seinesgleichen sucht. Denn was in einem Kreuzberger Freestyle-Cafй begann, endete in einem Kassettenlabel namens Royal Bunker, das als Blueprint für AGGRO herhalten durfte, die das Ganze dann zwar sehr viel professioneller und stringenter aufgezogen haben, aber – und das ist wichtig – immerhin als Independent-Label. Da, wo die anderen schon längst umgefallen waren und bei den diversen Majors Unterschlupf gefunden hatten, hielten die Berliner den DIY-HipHop-Gedanken hoch und verteidigten Rap gegen das Establishment. Das mag jetzt eine sehr romantische Interpretation der Geschichte sein, aber Geschichte wird eben immer von den Siegern geschrieben. Schaut man sich aber die Riege der Rapper von damals an, die sich regelmäßig in einem Keller in der Mittenwalder Straße getroffen haben, dort, wo sich heute ein Puff mit Pornokino befindet, dann kann man nach HipHop-Maßstäben schon von Siegern sprechen: Kool Savas, Sido und sogar Frauenarzt von den Atzen waren dort am Start und begründeten die Erfolgsgeschichte des neueren Berliner Rap.
Heutzutage präsentiert sich HipHop aus Berlin teilweise ein wenig handzahm, was vielleicht auch daran liegt, dass aktuelle Aushängeschilder wie Marteria und Casper Zugezogene sind. Diese Wahlberliner von Herzen würden sich selbst wahrscheinlich nie als Berliner bezeichnen, erstens, weil ihnen die Einheimischen das verbieten, und zweitens, weil sie viel zu großen Respekt vor dem Berlin-Rap-Erbe haben. Dieses wird im Übrigen zurzeit am besten von Bushido verkörpert, der zwar nie im Royalbunker-Freestyle-Cafй war – weil er, wie er in einem seiner Texte betont, sowieso nie ein Rapper war –, der aber die Anti-Attitüde von damals perfekt konserviert hat. Im Streit liegen mit der ganzen Welt. Warum? – Einfach so!

Text und Fotos: Marcus Staiger

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