Hip-Hop

„Ich bin Wähler!“ – Die Antilopen Gang im Interview

Die Antilopen Gang beweist auf ein Neues, dass intelligenter deutscher Rap möglich ist und erzählt, wen sie eigentlich agitieren wollen und warum Punkrock immer noch modern ist

Foto: Robert Eikelpoth

Seit Ende 2014 schenkt man der Antilopen Gang Gehör. „Beate Zschäpe hört U2“ hieß der bitterböse Hit, auf den Rechtspopulist und Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen mit einer Abmahnung wegen übler Nachrede reagierte – und scheiterte. Das ursprünglich aus Düsseldorf stammende Trio beweist ein weiteres Mal, dass intelligenter Rap auf Deutsch möglich ist. Die drei Rapper Koljah, Panik Panzer und Danger Dan sind unüberhörbar politisch, ihre Musik lässt sich aber dank Pop-Appeal und Punkeinfluss auch nicht auf den Stempel Polit-Rap reduzieren. Nun erscheint ihr zweites Album „Anarchie und Alltag“ und die erste Videosingle „Das Trojanische Pferd“ spielt wieder gewollt provokant mit dem Bild der Band in der Öffentlichkeit.

tip Kann man mit politischen Texten tatsächlich etwas verändern?
Panik Panzer Meistens ist das Problem bei politischer Musik ja, dass sie nur diejenigen erreicht, die eh schon Interesse an Musik mit politischen Inhalten haben, und somit nicht wirklich das agitative Potential entwickelt, das sie vorgibt zu haben. Wir bezeichnen uns auch deshalb nicht als Politrapper, weil wir nicht das Ziel verfolgen, bestimmte Leute zu erreichen. Dennoch hat unsere ­Musik natürlich politische Inhalte, weil sie uns mitunter beschäftigen. Aber nicht ausschließlich.

tip Registrieren Sie in der Hip-Hop-Szene eine Veränderung, wird sie wieder politischer?
Koljah Ich glaube, man kann schon sagen, dass in letzter Zeit von Rappern wieder mehr politische Inhalte behandelt wurden, was mit Sicherheit auch an den gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre liegt. Und daran, dass wir einfach in komplizierten Zeiten leben mit der AfD, der Pegida, islamistischem Terror. Da gibt es einfach superviele Anlässe, sich politisch zu äußern. Dabei könnte man auch überlegen, ob das jetzt vielleicht einfach mehr Gehör findet und eine größere Plattform erreicht, wenn man sich öffentlich äußert. Auch wir machen ja nicht erst seit zwei Jahren Musik, bekommen aber jetzt erst mehr Aufmerksamkeit. Und es gab, wenn man gesucht hat, schon immer Bands und Crews, die sich auch politisch geäußert haben.

tip Sie selber sind Mitglieder der Satire-Partei „Die Partei“, sollen aber trotzdem Nichtwähler sein.
Panik Panzer Ich bin Nichtwähler, aber gar nicht mal aus Überzeugung. Ich bin eher Nichtwähler aus Ratlosigkeit, muss ich sagen, und weil ich einfach nicht wüsste, wen ich mit gutem Gewissen wählen wollen würde.
Koljah Ich bin Wähler! Und ich wähle „Die Partei“.

tip Wie wird es mit der AfD weitergehen?
Koljah Bestimmt wird die AfD im Bundestag landen. Da spricht alles für, vor allem die ganzen Ergebnisse der Landeswahlen, daher glaube ich das schon. Wie lange sich das hält, ist halt die Frage. Ob die sich etablieren als dauerhafte Größe im Politbetrieb, das ist, glaube ich, überhaupt nicht klar. Aber jetzt gerade ist da noch kein Ende in Sicht.
Panik Panzer Wenn man schaut, wie momentan international rechtspopulistische Parteien erstarken und größer werden, ist halt auch zu befürchten, dass es keine temporäre Sache bleibt. Auch, wenn man es sich wünscht. Aber ich befürchte, dass man mit der AfD noch eine Weile zu tun hat.
Koljah Die AfD ist halt auch in sich sehr gespalten und zerstritten. Es gibt den völkischen, sehr weit rechten Flügel und dann gibt es diese konservativen Wirtschaftsliberalen. Da wird es bestimmt noch spannend, welcher Flügel die Oberhand gewinnen wird.

tip Ging Ihnen das neue Album leichter von der Hand als das Debüt „Aversion“ von 2014?
Koljah Nee, ganz im Gegenteil. Es war komplizierter. Wir haben dazwischen noch dieses „Abwasser“-Mixtape gemacht. Das ging uns sehr leicht von der Hand. Dann haben wir uns gedacht, dass wir einen Lauf haben und direkt das Album machen können. Das hat sich aber als Trugschluss erwiesen. Die ersten Monate hatten wir eher eine Krise und es hat nichts funktioniert. Irgendwann haben wir dann gesagt: „Okay, wir müssen jetzt irgendwie klarkommen,“ und haben uns in Brandenburg für ein paar Tage eine kleine Ferienwohnung gemietet, um einfach mal Musik zu machen. Und dann lief es auf einmal. Aber dem voraus gingen bestimmt vier Monate schlimmer Band-Krise und kreativer Blockaden.

tip Das neue Album ist sehr vielfältig mit vielen Punkrock-Anleihen, Pop und sogar einem Trap-Song.
Panik Panzer Ja, wir haben uns ja nie gescheut, mal über den Tellerrand hinaus zu schauen und zum Beispiel Pop mit einfließen zu lassen. Genauso hatten wir auf dem letzten Album schon Gabba und Drum’n’Bass. Dieses Mal waren wir da noch etwas lockerer. Ich hatte bisher auch versucht, ein Trap-Verbot durchzusetzen. Nicht, weil ich das als moderne Ästhetik des Hip-Hop nicht gerne mögen würde, sondern weil ich immer Angst hatte, dass man damit anbiedernd wirkt. Auch diese Angst haben wir dieses Mal einfach abgelegt. Und wenn dann mal ein Song kommt, wo man nochmal ein bisschen Autotune reinpackt oder halt eine etwas moderne Drum-Ästhetik, dann hat das auf dem Album auf jeden Fall seinen Platz gefunden. Und ich glaube, das hat der Sache gut getan.

tip
Der Deluxe-Version von „Anarchie und Alltag“ liegt gleich ein ganzes Bonus-Album bei.
Koljah Die Bonus-CD ist ein Punkrock-Album. Wir haben noch zwölf Lieder von uns, die es schon gibt, – eins vom neuen Album und der Rest aus unserem Back-Katalog, – neu eingespielt als Punkrock-Versionen und dazu auch Gastsänger eingeladen.

tip Haben Sie abgesehen davon, dass Bandkollege Danger Dan hier lebt, noch einen Bezug zu Berlin?
Koljah Da Danger Dan hier wohnt, tun wir es sozusagen auch. Wir sind öfter hier, haben hier ein paar Freunde und unsere Bookingagentur. Wir haben hier auch super Konzerte gespielt im SO36, Lido und Astra. Anfang März spielen wir im Huxleys und sind schon voller Vorfreude. Berlin ist immer wieder ein Andockpunkt für uns.
Panik Panzer Ich erinnere mich, dass ich irgendwann zu Schulzeiten auf Klassenfahrt in Berlin war. Da war das für mich noch total aufregend, und ich dachte, Kreuzberg ist wirklich voll das Ghetto, wo man sich nicht reinwagen kann. Heute finde ich dieses Bild, was ich damals von der Stadt hatte, völlig absurd, weil es ganz stark von damaligen Battlerap-Tapes geprägt war und ich dachte, dass es unfassbar brutal zugehen muss. Mittlerweile ist Berlin eine Stadt, in der ich mich, weil ich andauernd hier bin,fast so gut auskenne wie in der Stadt, wo ich momentan wohne.

tip
Sie sind dafür bekannt, etwa ein Schlagzeug aus Schrottfässern in Ihre Auftritte zu integrieren oder auf Schweinepogo eine Akustikgitarre folgen zu lassen. Was kann man dieses Mal auf Tour erwarten?
Panik Panzer Wir sind tatsächlich noch in der Planungsphase. Deswegen kann man noch gar nicht sagen, was einen erwartet. Wir tüfteln gerade herum. Ich denke es ist klar, dass wir als Antilopen Gang nicht einfach auf die Bühne marschieren und ein DJ auf einen Knopf drückt, worüber wir dann rappen. Sondern wir lassen uns wie immer etwas einfallen.

Konzert: Huxleys, Hasenheide 107, Neukölln, Fr 3.3., 20 Uhr, VVK 21,60 €

Album: Antilopen Gang „Anarchie und Alltag“ (JKP/Warner)

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