Konzerte & Party

Die Berlin Music Week 2014

Berlin Music Week

Für junge Unternehmen gilt als Faustregel, dass man nach fünf Jahren absehen können muss, ob eine Geschäftsidee erfolgreich ist oder nicht. Das wichtige fünfte Jahr steht nun auch für die Berlin Music Week an, und Chefplaner Björn Döring wirkt selbstbewusst, was die Entwicklung des Branchentreffens angeht. Im Vergleich zum Vorjahr gibt es diesmal keine wesentlichen Veränderungen an der Grundaufstellung, es gibt aber neue Veranstaltungen wie das Straßenmusikfestival First We Take The Streets oder die Einbindung des „Music Hack Day“, einem Wettbewerb, der sich an Software-Wizards und Hacker richtet, um Musiksoftware weiterzuentwickeln.
Döring, der sein Handwerk einst als rechte Hand von Arena-Gründer Falk Walter und Kurator des Popdeurope-Festivals lernte, wertet es als gutes Zeichen, dass kaum Nachbesserungen fällig waren. „Daran sieht man, wie sehr sich die Veranstaltung in den Jahren vorher gewandelt hat. Anfangs war es für Publikum und Journalisten teils schwer nachvollziehbar, was das überhaupt für ein Konstrukt ist“, sagt er, „inzwischen sind wir aber weggekommen von einem Konstrukt. Es ist jetzt eine gelebte und mit Leidenschaft betriebene Veranstaltung, die funktioniert und nicht mehr so erklärungsbedürftig ist wie vorher.“ Tatsächlich ist es dem Team um Döring gelungen, das Profil des Branchentreffens zunehmend zu schärfen: Das unübersichtliche Überangebot aus Popkomm-Zeiten mit qualitativ weit auseinandergehenden Konzerten wurde gestrafft und aufgewertet. Wichtiger Verbündeter ist in dem Zusammenhang die Agentur Melt-Booking, die nicht nur für das Billing des Berlin Festivals zuständig ist, sondern seit letztem Jahr auch das Showcase-Festival First We Take Berlin kuratiert hat.
Berlin Music WeekIn der aktuellen Auflage des auf internationale Newcomer zugeschnittenen Festivals gastieren rund 150 Bands an zwei Abenden zum Preis von 20 Euro. Mit dabei sind etwa die Dreampop-Truppe Talisco, Sinkane aus Ohio mit seinem Afropop-Soul, Baltimores Girl/Boy-Duo Wye Oak oder auch deutsche aufstrebende Jungspunde wie Heisskalt, Sorgenkind oder Lokalmatador Wankelmut. Auch Zoot Woman geben eine Sondervisite neben ihrem Hauptauftritt auf dem Berlin Festival.
Zur Mission Nachwuchsförderung zählt auch die Verleihung des New Music Awards im Admiralspalast, die am Ende eines regionalen Talentwettbewerbs steht und mit der Unterstützung von öffentlich-rechtlichen Radiosendern einhergeht. Mit First We Take The Streets kommt nun noch ein drittes Element hinzu: Dann wird die Strecke entlang der East Side Gallery – zwischen Music-Week-Zentrum Postbahnhof, der mitproduzierenden O2 World und dem Fluxbau auf der anderen Spreeseite – zur Open-Air-Meile, auf der sich unter freiem Himmel unbekannte Talente vorstellen, die sich zuvor beworben haben.
Berlin Music Week 2014Mit der Einbindung von Institutionen wie der O2 World – gewissermaßen der Beelzebub innerhalb des Streits um Verdrängung an der Spree – begibt sich die Music Week auf eine Gratwanderung. Das räumt Döring ein: „Klar gab es darüber Diskussionen, so wie es heiße Diskussionen darüber gab, ob man in der Word!-Konferenz Google und YouTube einen Slot einräumen sollte oder nicht.“ Die umstrittenen Konzerne haben aber ihren Platz im Konferenzprogramm bekommen und das findet Döring wichtig. „Ich denke, man würde einen Teil der bestehenden Realität einfach ausblenden, wenn man aus einem reinen Mediaspreeblick oder einem rein urheberrechtsgetriebenen Blick sagen würde: ‚Das sind die Schmuddelkinder der Neuen Ökonomie, mit denen spielen wir nicht.'“ Seiner Meinung nach gibt es bei der Word!-Konferenz ausreichend alternative Kräfte gegenüber den dominanten US-Konzernen, etwa die Initiative all2gethernow als Mitorganisatorin der Konferenz oder die Vereinigung New Thinking mit eher netzpolitisch kritischer Stimme. „Damit bilden wir ein relativ großes Spektrum ab, und ich denke, es wäre ein Fehler, das nicht zu tun“, findet Döring.
Insbesondere die Word!-Konferenz hat in den vergangenen Jahren in der Tat einen Sprung nach vorn gemacht und das für Branchentreffen gängige Image von öden, schwer zugänglichen Expertenrunden abgestreift. Mit Referaten und Panels zu vielfältigen Themen über die veränderten Bedingungen der digitalisierten Musikwelt hat die Konferenz tatsächlich Potenzial, das zu werden, was Messemacher gern als „Think Tank“ bezeichnen. Wenn sich in den Debatten tatsächlich Räume öffnen für eine ernsthafte Streitkultur, dann kann es für die Berlin Music Week nur gut sein.

Text: Ulrike Rechel

BERLIN MUSIC WEEK
Postbahnhof, Straße der Pariser Kommune 8, Friedrichshain, ?Mi 3.9. – So 7.9., www.berlin-music-week.de

FIRST WE TAKE BERLIN
Kreuzberg, verschiedene Orte, Do 4.9. + Fr 5.9., 20 Uhr, VVK: 20 Euro zzgl. Gebühr

FIRST WE TAKE THE STREETS
O2 World Spree Bar, ?Do 4.9. + Fr 5.9., gratis

Mehr über Cookies erfahren