Konzerte & Party

Die Butthole Surfers im Kesselhaus

Butthole Surfers

Ihr Bandname spielte auf Analsexvorliebe an. Auf ihrer Setlist standen Songs mit appetitlichen Titeln wie „I Saw An X-Ray Of A Girl Passing Gas“, „Kuntz“, „The Shah Sleeps In Lee Harvey’s Grave“ oder „The Revenge Of Anus Presley“. Live ging es bei den Butt­hole Surfers auch nicht sonderlich zivilisiert zu, meistens drohte eine Riesensauerei mit Blutfontänen, Säcken voller Sperma oder offenem Feuer. Sänger Gibby Haynes röhrte, rülpste, würgte, kläffte, stöhnte und benutzte elektronische Effekte der Marke Eigenbau, die berühmt-berüchtigten „Gibbytronix“. Was waren das für Zeiten! Allzu gerne erinnert man sich an Ferkeleien, mit denen sich diese Band in den 80er Jahren zum Protagonisten einer Gegenkultur aufschwang, der nichts heilig war. Zusammen mit Sonic Youth, Scratch Acid und Big Black waren die konfrontationsfreudigen und krachverliebten Texaner Aktivposten im amerikanischen Rock-Untergrund.
Viele vermuteten zunächst einen Lausbubenstreich, als sie das mit Bierbäuchen und kümmerlichen Schwänzen überzogene Co­ver der legendären ersten Butt­holes-EP aus dem Jahr 1983 erblickten. Mit der Zeit wurde jedoch klar, dass sich hinter der Fassade gezielter Protest verbarg. Zielscheibe war beileibe nicht nur der musikalische Mainstream, von dem damals dämliche Flachkaliber wie Huey Lewis & The News gefeiert wurden. Mehr noch hatten die Buttholes ein übertrieben gottesfürchtiges und konservatives Weltbild im Visier, das von Moralisten des penetranten Parent’s Music Resource Center (PMRC) geprägt wurde. Dieses von der späteren Vizepräsidentengattin Tipper Gore angeführte Gremium hatte schon ein Problem, wenn Prince über masturbierende Mädchen sang. Um sich gegen Säuberungsaktionen zu positionieren, eröffneten die Butthole Surfers ihr sensationell bösartiges Album „Locust Abortion Technician“ mit einem Satansschrei, der bis ins Mark ging. Danach richteten sie ein Gemetzel an, in dessen Verlauf sie Heavy Metal, Psychedelia, Punk, Elektronisches und sogar Weltmusik zermalmten. Nichts für schwache Nerven.
Unvergessen auch der respektlose Umgang mit Errungenschaften der Rockgeschichte. „American Woman“ von The Guess Who wurde von Haynes und seinen Komplizen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Wesentlich behutsamer ging man mit Donovans „The Hurdy Gurdy Man“ um, aber diese Version fiel schon in eine Zeit, als die Art-Punks am Mainstream schnüffelten. Grunge-Prominenz hatte sich verschiedentlich lobhudelnd über die Butt­hole Surfers geäußert, allen voran Kurt Cobain, der sie als eine seiner zehn Lieblingsbands bezeichnete. Folgen waren ein Vertrag mit dem Major EMI, eine Albumproduktion mit Led-Zeppelin-Bassist John Paul Jones und zwei halbe Hits („Who Was In My Room Last Night?“, „Pepper“). Wirklich bändigen konnte die Band aber niemand, schon gar nicht die Plattenindustrie. Ein fertiges drittes Album erschien zunächst nicht und wurde erst 2001 unter dem Namen „Weird Revolution“ bei einem Indie veröffentlicht. Davon hörte man ebenso wenig wie von Gibby Haynes And His Problem, einem Nebenprojekt des Frontmanns. Der hat sich mittlerweile auf seine Wurzeln besonnen. Seit letztem Jahr steht er wieder mit der klassischen Buttholes-Besetzung auf der Bühne, also mit Gitarrist Paul Leary, Bassist Jeff Pinkus und den beiden Schlagzeugern King Coffey und Teresa Nervosa. Der Wahnsinn kann in die nächste Runde gehen.

Text: Thomas Weiland

Butthole Surfers, Kesselhaus, Mo 20.4., 21 Uhr, VVK: 23 Euro

Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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