Experimental-Noise

Die chinesische Klangkünstlerin Pan Daijing

Wenn das Innenleben implodiert: Die chinesische Klangkünstlerin Pan Daijing hat in Berlin einen Resonanzraum gefunden, um sich lautstark mit ihren Dämonen zu fetzen. Oder einfach mal Pop zu machen

Wenn sie von ihren Performanceprojekten erzählt, macht Pan Daijing einen bodenständigen, zugänglichen Eindruck. Angesichts ihrer Kunst, die aus extremen Klängen und Bildwelten schöpft, ist das überraschend. Noch mehr erstaunt, wie heimisch die 25-jährige Chinesin in der Kunst-Avantgarde Berlins zu sein scheint. Schließlich verfolgte sie bis vor wenigen Jahren einen ganz anderen Lebensplan.
Doch seit 18 Monaten lebt Pan Daijing nun in Berlin und bekommt viel Aufmerksamkeit für ihre Kunst, die für sie auch Selbst­­therapie ist. Um es mit ihren Worten zu sagen: „Von jeher hatte ich das Gefühl, dass dieses kleine Monster in mir lebt. Ich bin dankbar, dass ich einen Weg gefunden haben, es rauszulassen.“

Geboren ist sie im Südwesten Chinas. Sie lebte das angepasste Leben einer braven Tochter, quälte sich durch das selektive Bildungs­system Chinas – was sie rückblickend schätze, weil sie so Selbstdisziplin gelernt habe –, studierte Rechnungswesen. Mit westlicher Kultur kam sie erst bei einem Austauschjahr in San Francisco in Berührung: „Als Teenager kannte ich nur Michael Jackson und Britney Spears. Ich wusste nicht, wie man das Internet nutzt, was es etwa auf Youtube zu ent­decken gibt“, sagt Daijing. In Kalifornien fand sie Freunde, die sie mit Techno, Noise- und Industrialsounds vertraut machten. Besonders letztere hatten es ihr angetan, waren sie doch der perfekte Soundtrack für den Kulturschock, den sie durchlebte. Sie fand Gefallen am Frühwerk der Industrial-Band SPK und an den Einstürzenden Neubauten. Schließlich begann sie, selbst Musik zu machen.
Die Einstürzenden Neubauten waren, neben dem Interesse an deutscher Philosophie, das Daijing von ihrem lesewütigen Vater mitbekam, ein Grund, nach Berlin zu gehen. Sie fühlt sich wohl hier, nicht zuletzt dank der Balance aus Distanz und Nähe, mit der man sich hier begegnet. Zudem fand sie hier einen Resonanzraum, um sich an den Abgründen abzuarbeiten, die sie beschäftigen, seit sie als Kind True-Crime-Dokus guckte.

Ihr werde schnell langweilig, sagt Daijing, und so ist sie äußerst umtriebig. Ende Juli erschien ihr zweites Album „Lack“, ein surrealer, bisweilen opernhafter Soundtrack zu ihrem Schaffen als Performance-Künstlerin. Unlängst stellte sie beim Atonal Festival eine weitere Performance vor: In „Fist“ ging es um Ambivalenzen. Schließlich kann eine Faust Ausdruck von Wut sein, ermöglicht aber auch, den Ärger zu kontrollieren.

Nur einige ­Wochen zuvor hatte sie beim Torstraßen-Festival ihr Publikum mit Noise-Techno bespielt – ohne im Raum zu sein, was dank einer Nebel­maschine nicht klar war. Auch eine Art, die Rolle des DJs zu hinterfragen.
Demnächst ist sie bei der Performance „The Speaker“ dabei. Unterstützt von den Klangtüftlern Werner Dafeldecker und ­Valerio Tricoli gibt sie eine Frau, deren Weltverständnis sich plötzlich ändert. In Folge implodiert ihr Innenleben. Das kann man durchaus autobiographisch lesen – abgesehen davon, dass Daijing offenbar ein Ventil für ihr Innenleben gefunden hat.
Derzeit findet Daijing das Extrem gar nicht mehr so spannend. Lieber recherchiert sie zu Folk-Melodien und arbeitet an einem Pop­album. „Bisher hat mich vor allem ein expressionistischer Ausdruck interessiert. Vielleicht ist es Zeit, emotionaler zu werden“, sagt sie. Und findet noch ein schönes Bild, ihre Entwicklung zu illustrieren. „Das ist für mich wie der Unterschied zwischen psychedelischen Drogen und Amphetaminen. Ich bevorzuge mittlerweile ersteres. Man hat länger was davon.“ Dann lächelt sie zufrieden, als würde sie von einer bestandenen Prüfung an ihrer strengen Schule berichten.

Elisabethkirche Performance „The Speaker“, Invalidenstr. 3, Mitte, Sa, 16.9., 21 Uhr, VVK 12 €, erm. 8 €;

Pan Daijing: „Lack“ (PAN/Cargo)

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