Konzerte & Party

Die Club Transmediale 2012 in Berlin

Йliane Radigue

Als Charles Curtis 2005 nach Paris reiste, war der amerikanische Cellist geschlaucht und gejetlagged. An einen wie narkotisierten Bewusstseinszustand erinnert sich der Musiker heute. Was sich schließlich als ideale Gestimmtheit erwies für die Zusammenarbeit mit Йliane Radigue. Gemeinsam mit der Avantgarde-Komponistin schuf er „Naldjorlak“, ein Trio für Curtis am Cello mit zwei Bassklarinetten. Es setzt den Auftakt der Transmediale, die dieses Jahr ihre 25. Ausgabe begeht. In dieser Zeit hat sich das interdisziplinäre Festival zu einer der spannendsten Schaltstellen Europas für experimentale Kunst und Avantgarde-Pop entwickelt – auch dank des jüngeren, konzert­betonten Ablegers Club Transmediale.
Bei der Trio-Aufführung von „Naldjorlak“ in Anwesenheit der 80-jährigen Komponistin wird das HAU 1 von brummenden Tiefen erfüllt werden, von reibenden Harmonien, vibrierenden Nebengeräuschen und Obertönen – volle zweieinhalb Stunden lang. Von den Musikern erfordert das weniger technische Leistungen – eine Notation gibt es nicht?– als Intuition und direkte Empfindung, immer auf der Suche nach dem Ursprungsstoff der Töne und des Instruments.
Neben der Hommage an Radigue mit weiteren Werken der Elektronikpionierin, reicht das Festival-Kalendarium von Drone-Beschallung über Berliner „Krautrock“- und „Kosmische Musik“ bis hin zu Neo-Industrial, Glitch, Neue Musik und diverse obskure Subgenre. Wie immer wurde ein Leitthema gekürt; „Spectral“ heißt es dieses Jahr: Ein schönes Abstraktum, das sich als Startpunkt für festivalbegleitende Debattenrunden eignet. Näher kommen wollen die Festivalkuratoren einem popkulturellen Phänomen, das im Thesenpapier als „Konjunktur des Geisterhaften, Dunklen und Mysteriösen“ umschrieben wird. In jungen Strömungen wie Dubstep, Neo-Industrial oder Witch House etwa mit ihren dunklen, undurchsichtigen, taumelnden oder zerfallenden Klängen wird gar ein politischer Impuls erkannt. Wenn in Zeitlupen-Bassmusik Kategorien wie Melodie oder Beat pulverisieren, äußert sich darin womöglich eine „Energie der Negativität und der Bewusstlosigkeit“? Ist es folglich von Dubstep bis zu Protestbewegungen wie „Occupy“ kein weiter Schritt mehr?
Mouse On MarsOb politisch diskursfähig oder nicht, so passt sicher kaum eine Band besser ins Transmedialen-Konzept als das Kölnisch-Düsseldorfer Elektroduo Mouse On Mars (Bild links). Dabei zeigen sich die beiden auf ihrem ersten neuen Album seit sechs Jahren gehörig aufgekratzt und energetisch in einer Verfassung, die durchaus als „upbeat“ durchgeht. Auf „Parastrophics“ bleiben Andi Toma und Jan Werner ihrem Prinzip der Unberechenbarkeit treu; ihr Spielfeld findet sich weiterhin am Außenrand von Clubtrack und Popsong, ergänzt um abstrakte Bastler-Poesie. Einige Tracks stehen für pure Maschinenmusik im Kraftwerk’schen Sinne, andere vollziehen die Engführung mit analogen Instrumenten, Samples oder Gesang. In Berlin gibt es die erste Kostprobe des quirligen, wie immer unterschwellig ironisch gewürzten Albums. Vorher teilen sich Mouse On Mars die Bühne mit dem Berliner Solistenensemble Kaleidos­kop: eine Zusammenarbeit, die so gut zum Grenzgängertum der Band wie zu dem des Festivals passt.
Zwischen Radigues Minimal-Meditation und Mouse On Mars’ kleinteiliger Ideenflut führen auf dem Club- und Bühnenparcours der Transmediale wieder wundersame Nebenrouten, die man so geballt wohl nur hier abwandern kann. Gemeinsam ist allem radikaler Experimentierwille und der Mut zur Spinnerei. Mit offenem Ausgang.

Text: Ulrike Rechel

CTM-Festival, Mo 30.1. – So 5.2., HAU, Berghain, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Passionskirche u.a.

„Naldjorlak“ mit Йliane Radigue, Charles Curtis, Carol Robinson, Bruno Martinez, HAU 1, Mo 30.1., 19.30 Uhr, 18 Euro

Йliane Radigue: „PSI 847“, HAU 1, Di 31.1., 17 Uhr, 11–18 Euro

Mouse On Mars + Sшlyst + Solisten­ensemble Kaleidoskop + DJ Elephant Power, Berghain, Fr 3.2., 20 Uhr, VVK: 20 Euro

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