Konzerte & Party

Die Clubszene rund um das Ostkreuz blüht

clubBruchstücke von porösem Asphalt, Kopfsteinpflaster und rostige Schienen, die ins Nirgendwo führen: Die Hauptstraße zwischen Friedrichshain und Lichtenberg gleicht einem Flickenteppich. Sie ist symbolisch für den schleichenden Wandel der Stadt, für ein Lebensgefühl, von dem Nostalgiker schwärmen und das von Pragmatikern wegsaniert wird. In der Gegend zwischen Ostkreuz und Rummelsburg, zwischen Industriebrachen und leer stehenden Lagerhallen gibt es noch etwas davon, von dem Charme des Großstadtdschungels, des Abenteuers Berlin.

Schon von Weitem hört man das dumpfe Wummern der Bässe aus dem Club ://about blank. Obwohl es heute Nacht regnet, reicht die Warteschlange vor der Tür des zweistöckigen Backsteinhauses am Markgrafendamm bis an die Straße. Die Betreiber wollen keinen Kontakt mit der Presse haben, erklärt einer der Türsteher. „Die haben keinen Bock in einem Reiseführer wie ‚Lonely Planet‘ zu stehen“, ergänzt er. Im Innern des Clubs ist es warm und feucht, die Luft ist verraucht. Die Einrichtung besteht aus ausrangierten Couches und alten Fitness-Geräten. Neben dem DJ-Pult, auf dem kleineren der beiden Floors, stehen als Dekoration einige antiquierte Trimm-Dich-Räder.

Es ist ein Uhr und der Club ist zu drei Vierteln gefüllt. Das Publikum ist auffallend jung, viele Abiturienten und junge Studenten sind heute hergekommen. Einige von ihnen tragen T-Shirts von Heavy Metal Bands. Der DJ spielt grobschlächtigen House. Obwohl es kaum Melodien in seinem Set zu hören gibt, tanzen die Leute ausgelassen, wie die Gruppe von fünf Mädchen, die einen Kreis auf der Tanzfläche bildet. „Die Musik da drin ist mir jetzt zu hart geworden“, sagt Hasse Holmberg, der sich im Garten des Clubs mit seinem Bekannten Victor Baudo unterhält. Sie sind nicht die Einzigen, die hier draußen auf dem von Bäumen und Sträuchern gesäumten Platz eine Pause einlegen. Victor und Hasse kommen aus Kopenhagen und sind begeistert von Berlin. „Jedes Jahr, wenn wir herkommen, hat sich die Stadt verändert“, sagt Hasse. „Je weiter du in den Osten gehst, desto aufregender ist es“, ergänzt Victor.

Ungefähr fünfzehn Minuten von hier zu Fuß entfernt, soll sich die Theorie des dänischen Touristen bewahrheiten. Denn rund zwei Kilometer weiter im Osten der Stadt, befindet sich der Club Sisyphos. Schon von der S-Bahn-Station Rummelsburg sieht man kleinere und größere Grüppchen von Partygängern, die die düstere Hauptstraße in Richtung Club pilgern. Sie kommen vorbei an Neubauvierteln, die auf den Rummelsburger See blicken, verwaisten Fabrik-Arealen und erreichen dann einen Zaun aus meterlangen Holzbrettern. Er dient als Sichtschutz für das, was sich auf dem Club-Gelände abspielt. Hat man die Leibesvisitation der Türsteher überstanden, eröffnet sich dem Besucher ein weitläufiges Gelände, das mit den Zelten, der künstlichen Insel und den eigenartigen Kunstwerken eine Mad-Max-Atmosphäre ausstrahlt, wie man sie von Festivals wie der Fusion kennt.

Mitten im Club-Betrieb, in einem mit Alu-Folie verkleideten Zelt, stellt heute ein Künstler seine Werke aus. Stirnrunzelnd steht eine Besucherin vor dem auffälligsten Exponat: Ein mumifizierter Igel, der sich wie eine Ballerina auf einem mechanischen Glasteller dreht. In den Regalen stehen Pappschachteln, in denen früher einmal Dessous waren. Scheinbar wahllos befindet sich darin zusammengewürfeltes Strandgut aus der Stadt, aus dem der Künstler seine Werke zusammenstellt.

Wieder auf dem sandigen Vorplatz erreicht man über ein Treppchen das Innere des großen Backsteingebäudes, wo sich die beiden Floors des Sisyphos befinden. In altehrwürdigen Lettern steht auf der Fassade die Jahreszahl „1894“. Fliesen aus einer längst vergangenen Zeit säumen den Eingangsbereich, der in einen dunklen Schacht mündet. Hektische grüne und rote Laserstrahlen durchzucken den Gang in den Club. Biegt man rechts ab, erreicht man einen liebevoll eingerichteten Raum. Überall gibt es hier Details zu entdecken, wie zum Beispiel die Puppen und Röhren aus Stoff, die hier von der Decke hängen oder die Bruchstücke von Spiegeln, die die Strahlen der Scheinwerfer in den Raum zurückwerfen. An den Seiten stehen ausrangierte Sofas. Die Polster sind durchgesessen und dunkel verfärbt.

Unter einem Gebilde, das aussieht wie eine Nachbildung der britischen Krone steht der DJ und spielt eine Mischung aus Balkan-Beats und Funk. Gerade mal zwei Leute tanzen dazu. Die Haupt-Aufmerksamkeit gilt dem weiblichen DJ auf dem Main-Floor. Es ist halb vier und Hunderte von Leuten feiern jetzt hier. Ein Gast trägt einen Zylinder und unzählige, in grün und rot fluoreszierende Armbänder. Neben ihm tanzt ein unscheinbar gekleideter Besucher in seinen Vierzigern. Eine Maschine schießt Schaumflocken, die auf die Köpfe der Tanzenden herunterrieseln, während aus den Boxentürmen tranciger House erklingt.

Dieses Wochenende läuft die Party im Sisyphos durchgehend, von Samstag bis Montag. An solchen Tagen wird der Club zur Parallelwelt. Nicht einmal zum Essen muss man ihn dann verlassen – gleich neben dem Eingang gibt es hier sogar einen Imbiss. Möglichkeiten sich auszuruhen gibt es auch genug. Auf dem Vorplatz des Clubs steht ein Zirkuszelt mit unzähligen Sofas. Ein Gast ist gerade mit dem Kopf am weichen Stoff der Couch eingeschlafen. Das schallende Gelächter seines Sitznachbarn scheint ihn nicht zu stören.

Text: Lucas Negroni

Foto: Kigoo Images/pixelio.de

://about blank Markgrafendamm 24c, http://aboutparty.net

Sisyphos Hauptstraße 15, www.sisyphos-berlin.net

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