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Konzertbericht

Die Einstürzenden Neubauten spielten beim Eröffnungsfestival der Hamburger Elbphilharmonie

Aus dem West-Berliner Underground der 80er-Jahre in den teuersten Kulturtempel der Welt. Ein Bericht zum Konzert der Einstürzenden Neubauten in der Hamburger Elbphilharmonie

Foto: Claudia Höhne
Foto: Claudia Höhne

Im Großen Saal der aktuell teuersten Konzertstätte der Welt hat man keinen Telefonempfang, zumindest wenn man Kunde eines großen Mobilfunkanbieters ist, dessen Name aus einem Buchstaben und einer Zahl besteht. Was nicht schlimm ist, soll es doch hier um den reinen Kunstgenuss gehen, in höchster Klangqualität noch dazu. Doch hielt diese Tatsache keineswegs Kunden anderer Anbieter davon ab, die ganz offensichtlich Empfang hatten, auch während des Konzerts, zu dem wir gleich kommen werden, Nachrichten auf ihren Telefonen zu lesen. Auch hysterische Lachanfälle wurden gesichtet. Das sagt viel über das Befinden des Publikum aus, zum Anfang zumindest. Zum Ende hin schienen die meisten Anwesenden dann doch versöhnt. Denn der Auftritt der Einstürzenden Neubauten in der Elbphilharmonie war sicherlich kein Skandal, aber doch ein Ereignis. Die Karten für beide Shows am 21. Januar 2017, eine um 17 Uhr und eine um 21 Uhr, waren in wenigen Minuten ausverkauft.

Blixa Bargeld, Frontmann, Sänger und Oberbefehlshaber der nunmehr 37 Jahre bestehenden Formation, bezeichnete den Auftritt im tip-Interview als einen „guten Witz“, zeigte sich aber ansonsten nicht weiter interessiert an dem extrem teuren und von Skandalen gezeichneten Prunkbau, dessen Eröffnung seit Mitte Januar staatstragend gefeiert wird. Trotz der Aufweichung der alten Grenzen zwischen E- und U-Musik, ahnte man an jenem Abend dennoch einen Clash of Cultures. Nie hat man bei einem Konzert der einstigen West-Berliner Krachrevolutionäre derart viele Besucher gesehen, die nicht komplett schwarz angezogen waren. Nein, es flimmerte nur so von Pastelltönen zwischen zartrosa und weinrot, distinguierte Herren trugen blaues Hemd zu grünem Pullunder, gar zwei Damen in kanariengelben Blazern waren auszumachen, und nie zuvor war die Seidenschaldichte derart hoch gewesen, wenn N.U. Unruh auf Plastiktonnen herumgetrommelt und Schrotteile um sich geworfen oder Gitarrist Jochen Arbeit sein Instrument mit einem Vibrator stimuliert hatte.

Man fragte sich schon, wie diese Herrschaften an die raren Tickets gekommen waren. Hingen sie tatsächlich Wochen vorher vor ihren Computern, um innerhalb von wenigen Sekunden im Online-Vorverkauf zuzuschlagen? Oder war hier hochkultureller Hokuspokus im Spiel, der viel mit VIP-Tickets, Sponsoring, Mäzenatentum und Abonnements zu tun hatte? Es spricht ja nichts dagegen, dass sich Vertreter der Hamburger Bourgeoisie an einem Konzert der Einstürzenden Neubauten erfreuen dürfen, auch wenn sie vermutlich nicht Fans der ersten Stunde sind mit Vinyl-Ausgaben von „Kollaps“, „Zeichnungen des Patienten O.T.“ und „Halber Mensch“ im Plattenschrank. Eine ältere Dame quittierte nach wenigen Minuten die Situation mit dem Satz: „Wie Nine Inch Nails nur auf Deutsch“. Immerhin. Einordnen hilft.

Foto: Claudia Höhne
Foto: Claudia Höhne

Bargeld, ganz sicher niemand, den man als Scherzkeks bezeichnen würde, eröffnete nach dem reduzierten und durchaus stimmungsvollen Vortrag von „The Garden“, einem Stück zu dem ihn einst zwei ältere Museumsbesucherinnen inspiriert hatten, das Konzert mit folgender Einleitung: „Wir sind das Ensemble Einstürzende Neubauten und werden heute Werke von Alexander Hacke, N.U. Unruh, Jochen Arbeit, Rudolf Moser und Blixa Bargeld zur Aufführung bringen. Die Kompositionen stammen aus den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und den Nuller Jahren. Als Vertreter der originalgetreuen Aufführungspraxis werden die Stücke auf alten Instrumenten gespielt“. Eine ironische Verbeugung vor dem Tempel der Klassik, in dem Symphonien zu erklingen haben, gespielt auf Geigen und Harfen. Akustisch selbstredend, von der „weißen Haut“ der Elbphilharmonie zum höchsten Wohlklang geformt, von den besten Dirigenten der Welt angeleitet. Stattdessen hingen nun Lautsprechertürme unter der Decke, auf der Bühne standen Gitarrenverstärker, Monitorboxen, Plastikrohre, Blechtrommeln und ein Keyboard herum. Ein piepsiges Keyboard und kein Steinway-Flügel!

Damit kommen wir zu einem weiteren Aspekt des Clash of Cultures. Keinem modisch-sozialen, sondern einem klanglichen. Natürlich treten die Neubauten längst nicht mehr in dreckigen Punkkellern auf, Philharmonien sind aber auch nicht unbedingt das gewöhnliche Arbeitsumfeld der Band. Schließlich erlaubt es sich auch nicht über ein Konzert in der Elbphilharmonie zu schreiben, ohne auf die Akustik einzugehen. Die Erkenntnis lautete: Das vom Star-Akustiker Yasuhisa Toyota konzipierte Klangwunder lässt sich nicht einfach mal so auf ein elektrifiziertes Instrumentarium übertragen. Gerade bei den lauteren Stücken wirkte der Sound seltsam gedämpft. Statt der viel beschworen Klarheit, die oft mit der Akustik in einem Tonstudio verglichen wurde, fiel der Gesang in den Hintergrund. Es waren wohl nur Nuancen, aber es fehlte doch an Dynamik, als könnten sich Stücke wie „Susej“, „Redukt“ oder „Let´s Do It A Dada“ nicht zu ihrer vollen Stärke entfalten. Als würde der Raum sie absorbieren, sich gegen den Fremdklang wehren. Die langsameren, leiseren Stücke funktionierten da schon besser, „How Did I Die“ oder „Sonnenbarke“ etwa, plötzlich kamen mehr Details zum Vorschein. Ein Zustand, der dem ästhetischen Konzept der Neubauten durchaus entgegen kam, neigen sie schon seit Langem dazu, die Schwerpunkte ihres Live-Repertoires auf die sachten Töne zu legen. Stücke wie „Silence is Sexy“ oder „Ein leichtes, leises Säuseln“ sind programmatisch. So vertrugen sich letztlich Raum und Band, nicht ohne sich anfangs argwöhnisch zu beäugen, dann doch.

Foto: Claudia Höhne
Foto: Claudia Höhne

Gute 90 Minuten währte das Hauptset, bis das Ensemble die Bühne zum ersten Mal verließ, nur um noch drei Mal zurückzukehren und am Ende fast zweieinhalb Stunden konzertiert zu haben. Das hanseatische Publikum bedankte sich artig mit frenetischem Beifall und Standing Ovations, was zumindest für den Moment den weiter oben beschriebenen Clash of Cultures relativierte.

Wie ist das Konzert nun einzuordnen? Es lässt sich auf verschiedene Arten lesen. Zum einen als den Ausverkauf einer einst gefährlichen, künstlerisch innovativen Gruppe, die Mauern durchbrach und in ihrer Eigenständigkeit und Radikalität geradezu einzigartig war, jetzt aber Großereignisse bespielt und sich zum Handschlag mit dem Establishment nicht zu schade ist, so lange der Rubel rollt. Eine andere Lesart wäre, die Einstürzenden Neubauten sind den langen Weg durch die Institutionen gegangen. Aus dem West-Berliner Underground der 80er-Jahre stiegen sie in die schillernden Kulturtempel hinauf und bewiesen, dass sich Avantgarde mit Zugabe von Zeit zum Kanon entwickeln kann. Heute bekommen sie einfach nur die ihnen gebührende Anerkennung. Und das sich Bands über die Jahre verändern (Etwa: von Krach, Schmerz und Geschrei zu reduzierter Klangpoesie hin), ist eine Selbstverständlichkeit, über die sich zu mokieren im Prinzip Quatsch ist. Bargeld sah es im tip-Interview pragmatischer: „Das ist doch einfach nur eine Konzerthalle und in Konzerthallen zu spielen, ist für die Neubauten nicht ungewöhnlich“. Auch das stimmt wohl.

Im Anschluss an das Konzert wurde auf der unweit gelegenen MS Stubnitz, einem ehemaligen Kühlschiff der DDR-Hochsee-Fischfangflotte, weitergefeiert. In klaustrophobischen Stahlräumen mit Konzertfilmen aus den 1980er-Jahren und alten Hits. Hier trugen dann wieder alle schwarz und Seidenschals wurden nicht gesichtet. Die Band feierte allerdings auch nicht mit.

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