Konzerte & Party

Die Einstürzenden Neubauten im Tempodrom

Einstürzende Neubauten

tip Herr Bargeld, wissen Sie, wie Ihre Vorfahren den Ersten Weltkrieg erlebt haben?
Blixa Bargeld Nein. Die Großväter habe ich nie kennengelernt, die waren bei meiner Geburt bereits tot. Meine Großmutter war Jahrgang 1901, sie hat den Ersten Weltkrieg zwar miterlebt, aber davon nie etwas erzählt. Einen familiären Bezug zu dem Thema habe ich nicht und auch der Rest der Band hat während der gesamten Arbeit an dem Projekt nichts Derartiges geäußert. Dieser Krieg ist nun mal drei Generationen her.

tip Wie kamen Sie dann darauf, mit „Lament“ ein Album aufzunehmen, das sich mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzt?
Blixa Bargeld Das ist eine Auftragsarbeit. Die Region Flandern stand damals mitten im Geschehen und organisiert jetzt zum 100. Jahrestag des Kriegsbeginns eine Reihe von Veranstaltungen. Den Auftakt machte die Uraufführung unserer Performance im belgischen Diksmuide am 8. November.

tip Der Auftrag war eine Performance, keine Platte?
Blixa Bargeld Wir hatten nicht vor, eine Platte zu machen. Dass sie jetzt vorliegt, ist der resultierende Niederschlag der Tatsache, dass wir alles im Studio entwickelt und es auch gleich aufgenommen haben. Wichtig ist, dass diese Aufnahmen der Inhalt unserer Tour und des Konzerts in Berlin sein werden. Wir werden genau dieses Programm spielen und bis auf wenige Ausnahmen keine älteren Stücke der Einstürzenden Neubauten.

Blixa Bargeldtip Ein historischer Ansatz scheint auf den ersten Blick dem Avantgarde-Konzept der Einstürzenden Neubauten zu widersprechen. Finden Sie nicht?
Blixa Bargeld Das hat alles nichts damit zu tun. Ich hatte zwei wissenschaftliche Mitarbeiter und als wir mit der Arbeit im Herbst 2013 begannen, wurde mir klar, dass im gesamten Jahr 2014 die Erinnerungsmühle Erster Weltkrieg auf Hochtouren laufen wird. Ich musste also einen Zugang finden, der es wert wäre, dem Ganzen hinzugefügt zu werden.

tip Welchen Zugang fanden Sie?
Blixa Bargeld Ich habe nach Sachen gesucht, die ich irgendwie musikalisch verwerten konnte. Da gab es einmal die Harlem Hellfighters. Das war ein ausschließlich aus afroamerikanischen Soldaten bestehendes Infanterie-Regiment, dessen Geschichte und auch Musik in Europa kaum bekannt sind.

tip Existiert die Musik der Hellfighters auf Tonträgern?
Blixa Bargeld Ja, aber erst aus dem Jahr 1919, aufgenommen nach Kriegsende. Die Schwierigkeit war, dass es fast keine Tondokumente aus dem Krieg gibt, weil die Aufzeichnungsverfahren erst am Anfang standen. Es gab die Edison-Walzenrekorder in Berlin, und damals hat das Musikethnologische Institut Aufnahmen von Kriegsgefangenen gemacht und auch die Linguisten an der Humboldt-Universität machten Aufnahmen. Zufälligerweise lag also das einzig existierende Tonmaterial aus dem Ersten Weltkrieg hier in Berliner Archiven.

tip Dieses Material haben Sie dann in den Stücken verarbeitet?
Blixa Bargeld Dieses Material, etwa die digitalisierten Walzenaufnahmen aus dem Lautarchiv, ist teilweise in die Stücke eingeflossen. Dazu kamen andere Quellen, darunter Texte des kaum bekannten Antwerpener Poeten Paul van den Broeck oder des Schauspielers und Dichters Joseph Plaut.

tip War die Arbeit mit Wissenschaftlern und Archiven gewöhnungsbedürftig?
Blixa Bargeld Wenn wir normalerweise arbeiten, ist da immer ein gehöriger Prozentsatz an Klangforschung vorhanden, aus dem sich im Bestfall eine Thematik ergibt. Diesmal war der Prozess genau umgekehrt, wir kannten das Thema von Anfang an und so konnten wir klanglich auf unsere Erfahrungen zurückgreifen und das Archivmaterial adaptieren.

tip Die Neubauten ver-tonen also doch den Ersten Weltkrieg?
Blixa Bargeld Auf keinen Fall! Ich wollte nie diese Gleichung erfüllen: „Neubauten-Krach ist gleich Erster Weltkrieg.“ Man wird daher sehr wenig bellizistisches Getöse hören, außer vielleicht in dem Stück „On Patrol on No Man’s Land“ der Harlem Hellfighters, wo Kriegsgeräusche Bestandteil des Stücks sind.

tip Um die historische Dimension der Stücke zu begreifen, wird man viel Wissen mitbringen müssen.
Blixa Bargeld Es gibt tatsächlich viel Erklärungsnot, deshalb wird auch ein Programmheft ausgelegt. Man darf „Lament“ eben nicht als reguläres Album der Einstürzenden Neubauten verstehen.

Interview: Jacek Slaski

Fotos: Mote Sinabel

Die Einstürzenden Neubauten – Lament, Tempodrom, Möckernstraße 10, Kreuzberg, Di 11.11., 21 Uhr, ?VVK: 38–42 Euro zzgl. Gebühr

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