Will Oldham

Die Geschichte des O.

Film war seine erste Leidenschaft. Will Oldham, geboren an Heiligabend des Jahres 1970 in der Ortschaft Louisville im Staate Kentucky, spielte bereits zu Schulzeiten Theater und bekam als Teenager seine ersten Sprecherrollen. Angeblich ist ein von Oldham eingesprochener Werbespot für die Fast-Food-Kette Kentucky Fried Chicken noch immer im Umlauf. 1987 debütierte er schließlich in John Sayles’ Film Matewan. Das Filmstudium brach er dennoch vorzeitig ab, die Lust, in Rollen zu schlüpfen, und die Fähigkeit, sich in der Öffentlichkeit hinter selbst geschaffenen Charakteren zu verbergen, blieben ihm aber bis heute erhalten.

Bonnie Prince BillyDer Sänger, Songwriter und Gitarrist sang mit Björk, PJ Harvey und Johnny Cash, er experimentierte mit Tortoise und Valgeir Sigurdsson, war am Erfolg der Pop-Harfenistinnen Joanna Newsom und Baby Dee beteiligt und ist dabei doch immer ewiger Geheimtipp geblieben. Ruhm und Erfolg stehen bei Oldham eben nicht sehr weit oben auf dem Zettel.
Zerbrechlich wirkt der aschblonde, großgewachsene Bartträger auf der Bühne. Ganz und gar nicht der singende Indie-Cowboy, der die Country- und Western-Tra­dition voranbringt, der Folk neuen Lebensgeist eingehaucht hat und das Experimentelle nicht mei­det. Er ist scheu, weltabgewandt und eigensinnig, fast ungelenk im Umgang mit Fremden, ein Sonder­ling, der die meisten Interviews verweigert, ungern über seine Musik spricht und über Persönliches am liebsten gar nicht. Wer ist dieser Mann, der 1993 mit minimalen Mitteln anfing, flehende, todtraurige Balladen voller Spiritualität und Anmut zu singen? Es waren Lieder über Familie, Sex, Religion und Entfremdung, die er zu flirrenden, im Raum hallenden Arrangements vortrug. Zuerst unter dem Namen Palace Brothers und den vielen Permutationen: Palace Music, Palace Songs oder einfach nur Palace. In jener Zeit entstand das 1995 von Steve Albini produzierte Album „Viva Last Blues“ und der eigentliche Beginn der Karriere, die mittlerweile 20 Alben und ungezählte EPs, Singles und Gastauftritte umfasst. Erst im letzten Jahr wieder war er auf sechs Veröffentlichungen anderer Künstler zu hören, u.a. Scout Nibletts „This Fool Can Die Now“ und „Birdsong in the Empire“ von Current 93.

Bonnie Prince BillyAls Palace zu groß wurde, verwarf Oldham sein frühes Alter Ego und nannte sich fortan Bonnie „Prince“ Billy. Das Spiel mit Mas­ken und Identitäten, das Ich-bin- ein-anderer beherrscht er fast ebenso gut wie sonst nur Bob Dylan, der sich gleichfalls durch seine gesamte Karriere hindurch wie eine Schlange häutete und stets als ein Neuer herauskam. Diese selbst erschaffene persönliche Mythologie ist auch Ausdruck der tief verwurzelten Tradition amerikanischer Musik, in der Geschichten und Figuren, die Helden und die Schurken und das Spiel mit Namen elementar sind und aus der Dylan ebenso wie Oldham nun einmal stammen.

Eine Tradition, zu der sich Will Oldham ausdrücklich bekennt, wie er 2004 mit dem Album Sings Greatest Palace Music bewies. Darauf in­terpretierte er im Stile der großen Hommagen der Countrymusik, wo es gute Sitte ist, als Sänger seinen Vorbildern Tribut zu zollen, seine eigene Musik. So war es nicht ein George ones, der etwa Leon Payne eine Platte widmete, sondern Bonnie „Prince“ Billy sang sich durch das Palace-Frühwerk.

Ein spielerischer, aber durchaus ernst gemeinter Umgang mit eigenen Identitäten und Texten, für die er sich die Inspiration ebenso aus dem Leben holt wie aus Romanen und Sachbüchern. Und natürlich aus der Musik, die er am liebsten im Auto hört, rastlos und immer in Bewegung. Unterwegs in Japan oder South Carolina, zu Sessions oder zu Freunden, ins Studio, ans Filmset oder zu seinem Label Drag City. Bis er irgendwann den Absprung schafft und an einen Ort flieht, wo es kein Telefon und keinen Plattenspieler gibt und kein Glas in den Fenstern und die Menschen kein Englisch sprechen. Vielleicht kommt er dort als Will Oldham an.

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