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Die Goldenen Zitronen: „Die Entstehung der Nacht“

Die Goldenen Zitronen - Die Entstehung der NachtWerke der Goldenen Zitronen sind eher verwirrende, überkomplexe und aufgekratzte Theaterstücke als lässig wegzuhörender Krach. Und das liegt nicht nur daran, dass Schorsch Kamerun in den letzten Jahren mindestens so viel Theater gespielt und inszeniert wie Musik gemacht hat. Spätestens seit „Ein bisschen Totschlag„, also seit Mitte der Neunziger, liefern Goldies-Alben mit ihrem Konzeptkunst-Postpunk Berichte zur Lage der Subversion, Mini-Hörspiele und vor allem: Klang gewordene Widerspüche.
Das neue Album, „Die Entstehung der Nacht“, schmückt sich auf dem Cover mit einem Gemälde Daniel Richters. Das Gemälde ist mehr als der Verweis auf den Jugendfreund aus Hafenstraßentagen: Der Maler hat das schlingernde Buback-Label vor einiger Zeit gekauft, um es zu retten. Indirekt finanzieren also jetzt reiche Kunstsammler das Anarcho-Label. Wie gesagt: Widersprüche, Widersprüche, immer diese Widersprüche.
Die Themen die hier durchdekliniert werden, sind zunächst Zitronen-typisch: Die Beerdigung Jörg Haiders, ein strindbergeskes Beziehungsdramolett, der Kapitalismus und seine Ner­venkrisen („Börsen crashen, Kno­chen brechen, Phrasen dreschen, Dreck fressen …“), die Freuden der Marktwirtschaft („Lied der Medienpartner“) und der Wunsch, einfach mal endgültig zu verschwinden und den ganzen Quatsch hinter sich zu lassen.
Sehr hübsch auch, wie Kamerun mit dem täglichen Wortmüll spielt und ein leerlaufendes Selbstgespräch aufführt: „Ich halte brennende Autos für ein starkes Ausdrucksmittel, getraue mich aber nicht, eines anzuzünden, da ich viele Freunde habe, die eine Beschädigung ihres Autos für einem Angriff auf ihre Persönlichkeit halten würden.“
Bei allem Spaß an diesen gnadenlos aufgetürmen Wortgebirgen, Gebrabbel, Hysterie­schüben und Quatsch-Reimen – der Soundtrack ist diesmal entschieden verspielter, jongliert gut gelaunt mit Kinderspielzeug-Elektronik-Klängen und lädt zum Mitwippen ein. Mit anderen  Worten: Der Nervfaktor fällt weitgehend weg, aber es ist trotzdem Kunst.

Text: Peter Laudenbach

tip-Bewertung: Hörenswert

Die Goldenen Zitronen, Die Entsehung der Nacht (Buback/Indigo) 

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