Konzerte & Party

Die Goldenen Zitronen

Nun sind die Esso-Häuser an der Hamburger Reeperbahn also doch geräumt worden. Mitten in der Nacht zum Sonntag am 3. Adventswochenende, angeblich wegen starker Erschütterungen, ausgelöst durch ein Konzert im Molotow-Club und zusätzlichen Lärm auf dem Weihnachtsmarkt. Die Goldenen Zitronen haben gewusst, dass es eines Tages so kommen wird.

Die Goldenen Zitronen
Foto: Frank Egel

Auf dem Protestalbum „Who’s Bad“ beschweren sie sich mit Nachdruck gegen Investoren, Mieterhöhungen und Gentrifikation. „Bayerische Babylonier mit gutem Gespür für Dividenderegen und Kaviarträume nehmen uns unsere Freiräume. Essohäuser, ihr seid schön, wir werden für euch kämpfen gehen“, verspricht Schorsch Kamerun. In „Europa“ malt sich die Band schon mal aus, was geschieht, wenn man Immobilienmaklern zu sehr freie Hand lässt. Irgendwann, so orakeln sie, werde es an der Reeperbahn genauso aussehen wie in der Innenstadt von Hannover, Halle, Ulm, Mülheim/Ruhr oder vergleichbaren Orten. Eigentlich unvorstellbar, aber dennoch nicht abwegig.

Längst ist bekannt, dass die Goldenen Zitronen zu solchen Analysen in der Lage sind. Sie sind nicht mehr dieselben Musiker, die vor dreißig Jahren im Fahrwasser der Fun-Punk-Welle nach oben gespült wurden. Damals sinnierten sie mit schönem Dank an Juliane Werding über den Tag, an dem Thomas Anders starb. Ab 1990 und dem Album „Fuck You“ verschwand das Element der Belustigung nach und nach aus ihrem Repertoire. Der Punk-Rock verlor ebenfalls an Gewicht, findet aber bis heute in Form einer intelligenten zeitkritischen Geisteshaltung Ausdruck. Damit haben die Zitronen keine Entscheidung getroffen, die sich rechnet. Im vergangenen August sind sie, die Toten Hosen und Die Ärzte in Berlin alle an einem Wochenende aufgetreten. Zu den Ärzten kamen an zwei Tagen 80.000 Leute, zu den Zitronen an einem Abend nur 800. Das sagt aber überhaupt nichts über die Qualität aus. Nicht nur die Argumente dieser Hanseaten gegen ihre Feindbilder sind schlüssig. Auch die Art, wie sie an Vordenker der deutschen Rockmusik erinnern und Spuren von Can, Palais Schaumburg, Fehlfarben oder Freiwillige Selbstkontrolle erkennen lassen, nötigt höchsten Respekt ab. Who’s bad? Diese Band bestimmt nicht.

Mehr über Cookies erfahren