Konzerte & Party

Die Kaiser Chiefs und ihr neues Album

Kaiser Chiefs

Man mag es kaum glauben, aber die Umwälzung im Musikgeschäft hat mal mit Marillion begonnen. Weil sich zu Beginn des Jahrtausends keine Plattenfirma fand, die noch an der Arbeit dieser Progressive-Rocker interessiert war, wandten sich die Musiker an ihre Anhänger und baten um Vorfinanzierung. Die Rechnung ging auf. Im Nu gab es 12.000 Bestellungen für ein Album, das 2001 unter dem Namen „Anoraknophobia“ veröffentlicht wurde. Lediglich der Vertrieb wurde ausgelagert und von der EMI übernommen. Die Sache war ein voller Erfolg.
Zehn Jahre später wimmelt es nur so vor Folgefällen. Im Musikbusiness alter Prägung steckt kein Geld mehr, weshalb sich immer mehr Musiker direkt an ihre Fans wenden. Zu ihnen gehören die Kaiser Chiefs, die sich eine ganz ausgefallene Variante überlegt haben. Anfang Juni meldete sich die Band aus Leeds aus heiterem Himmel mit zwanzig neuen Songs zurück. Die soll man sich keineswegs alle komplett von ihrer Website herunterladen, wie es etwa zu Beginn des Jahres bei Radiohead und „The King Of Limbs“ der Fall war. In diesem Fall soll man sich nach Anhören von kurzen Ausschnitten zehn von zwanzig Songs aussuchen, ein eigenes Cover-Design gestalten und für die sozusagen „maßgeschneiderte“ Version des Albums „The Future Is Medieval“ am Ende 7,50 Pfund bezahlen. Darüber hinaus wird dem Käufer die Möglichkeit gegeben, sein Album über eine speziell eingerichtete Webadresse so oft es nur geht an Freunde und Bekannte zu verkaufen. Die Band stellt dafür flankierend digitale Poster und Werbebanner für die Nutzung auf Facebook oder in Blogs zur Verfügung. Für jede erfolgreiche Freundschaftswerbung, also für jeden Download, wird dem „Online-Händler“ ein Pfund auf sein PayPal-Konto überwiesen.
Kaiser ChiefsDie Entscheidung, das neue Album auf diese Weise anzubieten, ist nicht über Nacht gefallen. Ein ganzes Jahr haben sich die Kaiser Chiefs mit Vertretern einer Werbeagentur Gedanken darüber gemacht, wie sich der Plan für ein maßgeschneidertes Album am besten in die Tat umsetzen lässt. Die Band brauchte nach dem verunglückten Vorgänger „Off With Their Heads“ wieder Aufmerksamkeit, am besten mit einer ausgefallenen Idee. Dieses Ziel hat man erreicht, so viel lässt sich jetzt schon sagen. Trotzdem stellen sich auch Fragen. Warum sollen Außenstehende der Band Arbeit abnehmen und entscheiden, welche Songs wichtiger als andere sind? Warum akzeptiert man die Auflösung der an sich sinnvollen Trennung von Künstler und Rezipient? Ist das alles überhaupt noch Kunst, wenn eine so direkte Einwirkung auf das Werk möglich ist? Früher haben sich Musiker regelmäßig über Bevormundung durch die Plattenfirma beschwert. Ohne Rücksprachen wurden ihrer Meinung nach Singles ausgekoppelt, Remixe angefordert oder Cover verändert. Jetzt aber herrscht Existenzangst, da gibt es diese Bedenken nicht mehr. Zugutehalten muss man den Kaiser Chiefs, dass sie bei der Planung erkannt haben, wie wichtig der gedankliche Austausch über Musik geworden ist. Nach wie vor sind Musikinteressierte über Foren, Blogs oder Facebook miteinander vernetzt. Nutzer der in Deutschland bisher nicht genehmigten Streaming-Software Spotify stellen Abspiellisten zusammen und bearbeiten sie mit anderen Usern. Apple hat unlängst das soziale Netzwerk Ping eingerichtet, das man zum Abgleichen persönlicher Musikvorlieben nutzen kann.
Man muss sich etwas einfallen lassen, aber gleichzeitig damit rechnen, dass nicht jede Idee von Erfolg gekrönt sein wird. Das weiß inzwischen auch Johan Vosmeijer. Der Holländer hatte vor fünf Jahren das Crowdfunding-Portal SellaBand ins Leben gerufen, über das man nach Vorbild von Marillion in Anteile für eine Albumproduktion investieren kann. Lange ging das nicht gut, vor gut einem Jahr war SellaBand insolvent. Besser sieht es da beim britischen Portal Pledge Music aus, über das sich bisher so unterschiedliche Musiker wie Jack Bruce, Gang Of Four oder I Like Trains finanzieren ließen. Bruce konnte einen Konzertmitschnitt aus dem Amsterdamer Melkweg aus dem Jahr 2001 veröffentlichen. Gang Of Four und I Like Trains haben ihre jüngsten Album zum Selbstkostenpreis aufgenommen, baten aber um Übernahme der Kosten für Extras, Vertrieb oder Werbung. Angenehm: Übrig bleibende Gelder aus den Anteilen werden bei Pledge Music für wohltätige Zwecke gespendet. Auch in Deutschland kennt man sich mit fanfinanzierten Modellen aus. Hier haben die Einstürzenden Neubauten mit ihrem „Supporter’s Project“ Pionierdienste geleistet. Fans trugen sich auf der Band-Website ein, überwiesen 35 Dollar und erhielten später unter anderem eine CD. Robert Drakogiannakis von der Kölner Band Angelika Express hat Freunde aufgefordert, Anteile an der „Angelika-Aktie“ zu erwerben. Es gab reichlich Rückmeldungen, nicht zuletzt dank der PR-Hilfe der „heute“-Redaktion des ZDF, die einen Beitrag darüber sendete.
Einen Haken hat das alles indes: Fanfinanzierung kommt nur bei Bands infrage, die sich schon einen Namen gemacht haben. Da weiß der Kunde, in was er investiert. Newcomer aber werden weiter nach anderen Wegen suchen müssen, um etwas aufs Konto zu bekommen.

Text: Thomas Weiland

Kaiser Chiefs: „The Future Is Medieval“, www.kaiserchiefs.co.uk

Konzert:
Kaiser Chiefs, Huxleys Neue Welt, Do, 24.11., 20 Uhr, VVK: 25 Euro, VVK-Start: 02.07.2011

Mehr über Cookies erfahren