Konzerte & Party

Die Maria am Ostbahnhof verabschiedet sich

Ben de Biel

Freundlich wird man nicht gerade empfangen, wenn man auf der Schillingbrücke steht. „Fuck off, Mediaspree“ steht auf einem baufälligen Gebäude geschrieben. Das Anarcho-A unterstreicht die Gesinnung. Richtig beruhigt haben sich die Gemüter immer noch nicht. Wie auch? Das Bürgerbegehren zur Frage der Umgestaltungsmaßnahmen am Spreeufer war zwar erfolgreich, aber sein Ergebnis ist für die Senatsverwaltung nicht bindend. Der Verkauf von Grundstücksflächen an Investoren hat vor dem Hintergrund notorisch klammer Stadtkassen Vorrang. Die Leidtragenden sind Kulturschaffende, die am Ufer über mehrere Jahre erfolgreich tätig waren. Das gilt nun auch für die Clubs Maria und Josef. Betreiber Ben de Biel muss das ehemalige Fabrikgelände bis zum 18. Juni räumen, in dem er seit Jahren Techno-Partys und mehr veranstaltet hat. Der neue Eigentümer, die Ludger Inholte Projektentwicklung aus Hamburg, will dort einen Mix aus Hotels, Büros und Wohnflächen aus dem Erdboden stampfen.
Ben de BielBen gehört zu den Leuten, die nach dem Mauerfall im Ostteil der Stadt in ungenutzte Räume gezogen sind und dort als Zwischennutzer Clubabende und Konzerte veranstaltet haben. Alles war gut, solange die Eigentumsverhältnisse nicht endgültig geklärt waren. Sein erster Laden war der Eimer in Mitte, danach folgte die erste Maria am Ostbahnhof. Seit 2002 ist er am Ufer zu Hause. Die Tatsache, dass nun wieder Schluss ist, bereitet ihm kein Kopfzerbrechen. Die Endlichkeit der Sache war ihm immer bewusst. „Man darf sich da keinen Illusionen hingeben. Das hier ist kein Prachtstück, es ist eine Ruine. Doch bevor etwas abgerissen wird, will man natürlich schon wissen, was danach genau passiert, welches Konzept es gibt.“ Genau das vermisst er. Aus gutem Grund. Die alte Maria ist längst abgerissen, seitdem existiert dort nur Brachland.
Am 20. und 21. Mai steigt die Abschiedsparty mit vielen befreundeten Musikern und DJs, darunter Alexander Kowalski, Tok Tok, Modeselektor, T. Raumschmiere, Thomas Fehlmann und DJ Maxximus. Danach nimmt sich Ben erst einmal eine Pause. Er habe seiner Freundin versprochen, beim Wahlkampf der Piratenpartei zu helfen. Pa­rallel wolle er sich in Ruhe nach einem neuen Standort umsehen. Das könnte dauern. In der Innenstadt gibt es kaum noch Gebäude, die keinen neuen Eigentümer haben. Das Modell der Zwischennutzung funktioniert folglich nicht mehr, als Alternativen kommen nur der Kauf oder Pacht in Frage. Bevor Ben aber seine Unterschrift unter einen Vertrag setzt, will er sich sicher sein. „Die Maria hat ein bestimmtes Profil. Sie ist vielfältig bespielbar, es gibt DJ-Auftritte, Konzerte oder Lesungen. Gleichzeitig muss man sehen, dass sich der Markt verändert hat. Viele Konzertveranstalter haben inzwischen eigene Spielstätten. Auch im elektronischen Bereich spielt nicht jeder Live-Act in der Maria. Ich muss mir also die Frage stellen: Was fehlt zurzeit eigentlich?“
Auch über das Wohin muss er sich Gedanken machen. Die alternative Kultur der Stadt ist gerade dabei, sich neu zu erfinden. Sie braucht ein neues Viertel, in dem sie sich entfalten kann. Ben ist nicht bereit, in dieser Hinsicht erneut Pionierdienste zu leisten. „Ich werde nicht wieder etwas aufbauen und die Leute in eine völlig andere Ecke der Stadt bringen, nur um dann zu erfahren, dass der Senat daran verdienen will, weil es plötzlich hip ist. Das ist mir zu blöd.“

Text: Thomas Weiland

Fotos: Benjamin Pritzkuleit

Maria Abschiedsparty und Austrinken, Fr 20.5. + Sa 21.5., 23 Uhr mit Alexander Kowalski, Tok Tok, Guido Schneider, Gebrüder Teichmann, Modeselektor, Apparat, Thomas Fehlmann uva.

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