Konzerte & Party

Die Neunziger sind wieder da

Pearl JamMidlife-Crisis? Wer jung ist, denkt: Das bekommt man ab Mitte 40. Doch dann veröffentlichten Faith No More 1992 ihren Song „Midlife Crisis„: Deren Sänger Mike Patton war erst 24, seine Fans jünger, und dennoch haben viele diesen Song nicht nur verstanden, sondern auch gefühlt. „Midlife Crisis“ war keine Alten-, sondern eine Generationenhymne. Patton sang davon, dass sich Versagen durch den gesamten Stammbaum ziehen kann. Um sein Leben nicht zu verpfuschen, suggerierte er, müsse man schon als Teenager die richtigen Weichen stellen.
Elf Jahre nach ihrer Auflösung, im Juni dieses Jahres, standen Faith No More auf der Parkbühne Wuhlheide. Es fühlte sich nicht nur an wie ein Comeback der Band. Sondern wie ein Comeback des gesamten Jahrzehnts. Patton ist jetzt 41, die meisten Fans sind Mitte 30. Und doch sahen viele Zuschauer so aus, als sei die Zeit 1992 stehen geblieben: Karohemden, bun­des­wehrgrüne Rucksäcke und Armeehalb­-
­ho­sen. Die Hosen sah man auch über den Köpfen der Zuschauer. Scheinbar ein ungeschriebenes Gesetz: Jeder Armee­halbhosenträger probiert sich mal als Crowdsurfer. Oder umgekehrt.
Es gab bei diesem Konzert jedoch auch etwas, das anders lief als in den 90ern. Die Zuschauer kamen später, wie schon bei der Pixies-Tournee 2004 oder Pearl Jam (Foto) vor drei Jahren. Die ersten Reihen füllten sich langsamer. Warum das so ist? Hardcore-Fans, früher zwei Stunden vor Einlass da, müssen mittlerweile arbeiten, kommen erst am frühen Abend los. Und falls sie erst nach Hause fahren, um die Arbeitskleidung aus- und die alten Klamotten anzuziehen, wird’s noch später.
So wie es aussieht, wird man ab August noch öfter nach ganz hinten im Kleiderschrank greifen. Die Neunziger-Invasion steht bevor. Nach Faith No More kamen die wiederbelebten Alice in Chains und kommen nun die Pixies (zwar in Frankfurt am Main, aber das ist für den Pixies-Fan noch Berlin-Einzugsgebiet), die unzerstörbaren Pearl Jam sowie die im Untergrund lärmenden Mudhoney. Gruppen, die es zum Teil schon in den Achtzigern gab, die aber erst im Jahrzehnt danach einschlugen.
Alle diese Bands haben gemeinsam, dass sich ihre Musik bis heute nicht verändert hat. Ein Weltschmerzaufschrei wie „World Wide Suicide“ von Pearl Jam etwa hätte auch auf deren Debüt „Ten“ gepasst. Die Themen vieler Bands sind ähnlich: Wie der Midlife-Crisis-geplagte Mike Patton versucht auch Pearl-Jam-Sänger Eddie Vedder, gemeinsam mit seinen Fans eine Schicksalsgemeinschaft zu schmieden: mit Kindern als Opfer der Fehler ihrer Eltern, was über Hymnen wie „Alive“ funktioniert. Und jeder, der als Kind den Gottesdienst besucht hat, versteht Black Francis, der in seinen Pixies-Songs über Buße („Caribou“) erklärt, dass Religion mit Sünde zusammenhängt.

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 17/09 auf den Seiten 68-69.

Text: Sassan Niasseri

Pearl Jam, Kindl-Bühne Wuhlheide, Sa 15.8., 19 Uhr, ausverkauft

Pixies, Jahrhunderthalle, Paffenwiese, Frankfurt am Main, So 11.10., 20 Uhr, VVK: 46 Euro
Tickets unter www.batschkapp.de

Mudhoney, Festsaal Kreuzberg, Do 15.10., 21 Uhr, VVK: 20 Euro
Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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