Konzerte & Party

Die Smoke Fairies im Berghain

Smoke Fairies

tip Nanu, Sie steigen hier so einfach aus einem Taxi, ich hätte eigentlich erwartet, Sie würden einschweben …
Jessica Davies?Jaja, es nervt ehrlich gesagt ein wenig, wenn du merkst, dass die Leute vor allem darauf abheben, wie du aussiehst, und sich erst aufgrund dessen einen Reim auf deine Musik machen. Wir werden immer wieder gern als Sirenen bezeichnet. Was ja unterstellt, dass wir hilflose Männer mit unserem Gesang zu den Felsen locken und die Armen dann ins Unglück stürzen. Aber mal ehrlich, bei unseren Auftritten ist noch niemand zu Schaden gekommen. Wir sind auch gar nicht diese zarten, ätherischen Wesen, als die wir immer wieder dargestellt werden.

tip Nun haben Sie sich ja selbst einen feenhaften Namen gegeben.
Jessica Davies?Ja, wir sind eigentlich von Anfang an verdammt gewesen mit dem Namen. Vielleicht hätten wir uns etwas gröber benennen sollen, dann würden uns jetzt auch Genres wie Heavy Metal offenstehen (beide lachen).

Smoke Fairiestip Das wäre vielleicht doch etwas weit hergeholt, aber einen Wandel zu Ihren ersten beiden, durchaus traumwandlerischen Alben kann man bei der dritten Platte jetzt schon registrieren.
Jessica Davies?Das war auch nötig. Wir waren nah dran zu sagen, lass uns einfach aufhören, Musik zu machen. Wir tun das zusammen, seit wir elf Jahre alt sind, und hatten das Gefühl, wir sollten mal andere Dinge unternehmen, weil das Musizieren einen schon komplett vereinnahmt. Aber das war dann doch unmöglich.
Katherine Blamire?Also haben wir es auf eine andere Art versucht, Veränderungen für uns herbeizuführen. Wir haben beiseitegeschoben, was die eingeschliffene Wahrnehmung der Smoke Fairies war: zwei Mädchen, die Harmonien singen und verschlungene Gitarrenmotive dazu spielen. Wir haben unsere Songs einfach mal ganz aufs Gerüst reduziert und waren dadurch dann imstande, die Dinge ganz neu zu überdenken und zu bearbeiten. Das war sehr befreiend.

tip Und schön anzuhören. Jessicas tiefe Stimme steht nun öfters im Vordergrund und der Folk wird mal von Elektronika umweht, mal mit Motown-Beats angeschoben. Hatten Sie dabei ein neues Publikum im Kopf?
Jessica Davies Als wir diese Platte aufnahmen, gab es nicht mal eine  Plattenfirma im Hintergrund. Nach zwei Alben war unser Vertrag ausgelaufen und wir haben die Aufnahmen quasi selbst finanziert. Es hat also nichts mit der Industrie oder den Hörern  zu tun, wie wir nun klingen. Wir sind einfach mit Freunden ins Studio gegangen und wussten eigentlich nicht mal so genau, ob überhaupt eine Platte dabei herauskommen würde. Es sollte einfach nur für uns selbst anders klingen.
Katherine Blamire ?Die Musiker, mit denen wir nun auf Tournee sind, sind die gleichen wie zuvor, nur spielt nun fast jeder von uns ein anderes Instrument. Neil, unser Violinist etwa, bedient die Keyboards, Synthesizer und Triggersounds. Da klingt die Musik dann auch für uns jeden Abend wieder neu.
Jessica Davies?Ich selbst habe eigentlich auch noch nie gleichzeitig gesungen, Tambourin und Keyboard gespielt. Es bleibt also spannend.

Smoke Fairiestip Hatten Sie einen Plan B für den Fall, dass sich die neue Lust an ?der Musik dann doch nicht einstellen würde? Man muss ja auch seinen Lebensunterhalt bestreiten.
Jessica Davies Lebensunterhalt? Sie scherzen. Wir haben auch jetzt noch Jobs. Katherine zum Beispiel gestaltet Möbel, verkauft Stühle und Tische in ihrem Laden. Wir leben in London, das ist ein sehr teures Pflaster.
Katherine Blamire Ja, London kommt mir vor wie ein wildes Tier, das einen ständig abwerfen will. Ein merkwürdiger Ort für Künstler, um dort zu leben. Es ist so teuer und geschäftig, aber auf der anderen Seite passiert da eben auch so viel, von dem du einfach nicht lassen kannst.

tip Und in einem zentralistischen Land wie England sind dort zudem die Schaltzentralen der Medien …
Jessica Davies?Das ist für uns aber nicht so sehr der Punkt. Es ist eh merkwürdig, wie unsere Musik sich letztendlich verbreitet hat. Fast auf eine organische Weise. Leute haben ihre CDs an andere weitergegeben, die sie selbst dann jemandem empfohlen haben. So ging das immer weiter. Unser Freund Leo zum Beispiel spielte Gitarre für Bryan Ferry, steckte dem unsere CD zu und der engagierte uns dann spontan als Vorgruppe. Das war unsere erste Tournee und wir wussten gar nicht, was uns erwartet. Wir fuhren mit ihm in den bequemsten Bussen, schliefen in den komfortablen Hotels. Wir lebten damals das ultimative Rockstar-Leben.
Katherine Blamire?Eins der Hotels hatte einen Aroma-Raum. Da bist du einfach nur reingegangen, um schöne Gerüche aufzunehmen.
Jessica Davies Da dachte ich auch, hey, das ist klasse, ich mag es, Musikerin zu sein. Und dann unternimmst du deine erste eigene Tour und steigst in einen kleinen, versifften Lieferwagen, der innen komplett mit Milkshake besudelt ist. Und du denkst nur: Weißt du noch, der Aroma-Raum …

Interview: Hagen Liebing

Fotos: Steve Gullick

Smoke Fairies, Berghain Kantine, Rüdersdorfer Straße 70, Friedrichshain, Fr 12.9., 21 Uhr, VVK: 14 Euro zzgl. Gebühr

Smoke Fairies
Jessica Davies und ?Katherine Blamire bilden seit 2006 das Duo Smoke Fairies. Gemeinsam Musik machen die beiden indes schon seit ihrer Schulzeit in den 1990er-Jahren. 2009 erschien mit „Gastown“ eine Single bei Jack Whites Third Man Records, in diesem Jahr ihr drittes, selbstbetiteltes Album

 

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