Konzerte & Party

„Die Türen“ im Festsaal Kreuzberg

Die Türen

Viel hätte nicht gefehlt und Die Türen wären in den Armen der Falschen gelandet. Das war im Jahr 2007, kurz nach Veröffentlichung ihres dritten Albums „Popo“. Damals steckte viel Optimismus in der Musik der Band aus Prenzlauer Berg. Man konnte zu Funk-Rhythmen tanzen, sich an Mädchengesang erfreuen und ein Melodiegefühl bewundern, wie es in den Achtzigern von The Style Council oder The Housemartins vorexerziert wurde. Die Angelegenheit hatte aber auch einen Nachteil. „Es kippte in den Mainstream, und plötzlich standen die Majors Schlange. Alle waren so ‚Yeah!‘-mäßig euphorisch und sagten: Das ist ja mal fresh!“, erinnert sich Sänger Maurice Summen. Die Leute, von denen er redet, waren dieselben, die wenige Jahre zuvor noch nichts von ihm und der Band wissen wollten. Für das erste Türen-Album „Das Herz war Nihilismus“ hagelte es noch Absagen. Daraufhin krempelte Summen die Arme hoch und gründete ein eigenes Label. Es heißt Staatsakt und nimmt seit erstklassigen Veröffentlichungen von Bonaparte, Ja, Panik, Andreas Dorau und Christiane Rösinger einen Spitzenplatz in der deutschen Independent-Landschaft ein. Den wollte Summen nicht aufs Spiel setzen, nur weil der Wind gerade günstig stand.
Rückblickend betrachtet kann der Sänger dem zwischenzeitlichen Hype noch aus einem anderen Grund nichts abgewinnen. Auf Initiative von Bela B., der großer Fan von „Popo“ ist, spielten Die Türen ein paar Shows im Vorprogramm der Ärzte. Summen freut sich über den Zuspruch des Kollegen, aber die Konzerte seien für ihn schon eine „krasse Erfahrung“ gewesen. „Da stellen sich junge Spunde vor die Bühne und ketten sich mit der Aufschrift ‚Ich wurde gejazzt‘ an. Das ist schon heftig, mit welcher Religiosität die Leute da am Start sind. Diesen Humor-Faschismus wollen wir bei uns nicht haben.“
Humor haben Die Türen natürlich schon, und das nicht zu knapp. Aber es ist eben einer, der sich von dem im Spaßuniversum der Ärzte absetzt. Die Vorbilder sind andere. Man denkt an die Hamburger Schule, und da wegen der lockeren Sprache besonders an Die Sterne. Es geht aber auch weiter zurück, zu Ton Steine Scherben und zum Krautrock. Dessen Einfluss ist im elfminütigen Song „Rentner und Studenten“ nicht zu überhören. „Wir sitzen als Band gerne mal länger zusammen und reden über Dinge, die uns gerade stören oder berühren“, sagt Summen. „Es ist ein Ritual, das uns beim Schreiben von Texten zuverlässig auf die Sprünge hilft. Einmal kamen wir darauf, wie kostbar Zeit geworden ist und wie Kontemplation und Rückzug im heutigen Leben verloren gehen. Wir brachten den Neid-Diskurs mit rein, nahmen dumme Sprüche wie ‚Wir malochten, als sie pennten‘ aufs Korn und unterlegten das schließlich mit einem monotonen Krautrock-Ding, das provokant suggeriert: Hört her, wir hier nehmen uns alle Zeit der Welt.“ 
Die TürenDie Türen waren schon immer eine politisch orientierte Band. Auf „Popo“ sang Summen: „Pause machen geht nicht, sonst bist du arbeitslos und pleite.“ Damals hatte man aber noch das Gefühl, es sei nicht so furchtbar ernst gemeint. Mittlerweile kann die Band das Unbehagen nicht länger kleinreden. Die Türen gehen jetzt voll in die Offensive und machen Stimmung.
Das neue Album „A–Z“ ist ein Beitrag zur aktuellen Kapitalismuskritik, den man sich im Pop schon länger gewünscht hat. „Wo sind nur all die Idioten hin, die Spinner und Chaoten, die Hinterzimmer-Hintersinner, die angsterfüllten Niegewinner?“, fragt sich Summen in dem Song „Leben oder Streben“ auf dem neuen Album. Alle seien nur noch gleich und in eine Richtung gepolt. Er fühlt sich wie im „schwarz-gelben Unterseeboot“ und beobachtet: „Der Guido und die Angela, wie Jane und Tarzan hocken sie da vor dem Baum, der Früchte trägt, im Dschungel, der bald kein Dschungel mehr ist.“ Die Regierung, die Banken, die Raffgierigen: Sie alle bekommen ihr Fett weg. „Ich spüre heute nur noch Ohnmacht und Machtlosigkeit gepaart mit der Notwendigkeit, dem schnöden Mammon hinterherzurennen. Das stinkt mir ganz gewaltig. Schon als Teenager hat mich das gestört. Da habe ich meinen Eltern vorgeworfen, wie sie das zulassen können. Heute habe ich das Gefühl, dass mich meine Kinder dasselbe fragen. Das kotzt mich wirklich total an“, sagt Summen.  
Ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht. Dass es kommen muss, hält Summen für unausweichlich. „Hier geht alles nur noch in ein riesengroßes Loch rein und irgendwann fliegt uns das alles um die Ohren“, sagt er. Mit dieser Haltung reihen er und Die Türen sich in die länger werdende Schlange der Unzufriedenen ein. Bei dieser Band ist Pop kein inhaltsleeres Unterhaltungsding, das in Castingshows bis zur Verblödung zelebriert wird. Bei ihr hat Pop Sinn und Verstand und ist ein Vehikel für Protest. Für sinnvollen Protest. Dafür sollte man diesen Leuten die Türen einrennen, und zwar schnell.

Text: Thomas Weiland

Die Türen, Festsaal Kreuzberg, Fr 13.4., 21 Uhr, VKK: 13,60 Euro

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