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Die vergangene Zukunft – ­Justin Doyle ist neuer Dirigent des RIAS-Kammerchors

Der RIAS-Kammerchor robbt sich mit ­seinem neuen Chefdirigenten ­Justin Doyle in die ­Vergangenheit – und hält beim Frühbarock

Foto: Matthias Heyde

Wo klafft die tiefste Lücke im Berliner Musikleben? Na klar, im Bereich der Renaissance und des Frühbarock. Die (knapp gerechnet) acht Symphonieorchester fühlen sich unzuständig. Folglich verbinden wir mit Namen wie Orlando di Lasso, Johannes Ockeghem oder Heinrich Schütz nicht viel. „Palestrina“ hält man hierzulande, wenn überhaupt, ausschließlich für eine Oper von Hans Pfitzner.

Dabei steht mit dem RIAS-Kammerchor ein Spezialensemble von Weltrang zur Verfügung, das sich schon früher um ganz alte Musik gekümmert hat. Leider wird dieses Spitzenensemble im Ansehen so tief gehängt, ja unterschätzt, dass man sich mit recht wenigen Abonnement-Konzerten begnügt – und sich daneben von Berliner Orchestern engagieren lässt. Man geht viel auf Tour und bildet so einen Berliner Musik-Botschafter, der im Ausland höher angesehen ist als am Herd daheim. Shame on us!

Seit Neuestem hat man mit Justin Doyle einen jungen, britischen Chefdirigenten, der von zu Hause das alte Repertoire mitbringt. In der anstehenden Saison plant er Werke von Josquin Desprez (20.10.), Orazio Vecchi (26.1.18) sowie Thomas Tallis und William Byrd (18.5.): gut abgehangene Meister des 15. und 16. Jahrhunderts. Es gibt auch Bach, Berlioz, Britten und andere Komponisten mit B. Eine gewisse Rolle rückwärts scheint aber doch Absicht.

Der Mann begann im Knabenchor der Westminster Cathedral, die Vorliebe fürs Betagte scheint also kein Zufall. Als Mitglied des „King’s College Choir“ in Cambridge befolgte er die dortige musikalische Devise: „Nie lauter als angenehm!“ Womit die britische Ästhetik schon so ziemlich auf den Punkt gebracht ist. Da Doyle seinen privaten Wohnsitz im englischen Skipton, North Yorkshire, beibehalten will – gemeinsam mit seiner singenden Ehefrau und den fünfjährigen Zwillingen –, ist für britischen Einfluss weiterhin gesorgt. Denn merke: Ohne britischen Einschlag würde es zur Besinnung aufs frühe Repertoire womöglich gar nicht kommen.

Auf dem Rückweg in die vergangene Zukunft begegnet man, welche Route auch immer man einschlägt, stets einem bestimmten Großmeister. Er hat gerade Hochsaison in Berlin. Von Claudio Monteverdi – der in diesem Jahr 450 Jahre alt würde – haben wir soeben die drei Opern hören können (beim Musikfest unter John Eliot Gardiner). Getoppt wird das durch Monteverdis gloriose „Marienvesper“, mit welcher Justin Doyle nun im Boulez-Saal seinen offiziellen Einstand beim RIAS-Kammerchor feiert.

Doyle begnügt sich jedoch nicht mit diesem Schlüsselwerk (das vom Rang her neben Bachs h-Moll-Messe und Mozarts Requiem steht). Sondern er kombiniert die Marienvesper mit Monteverdis „Missa in illo tempore“ aus demselben Jahr – aufgeführt an einem zweiten Ort, der benachbarten St. Hedwigs-Kathedrale. Am einen Tag gibt’s erst die Vesper, dann die Missa. Am anderen umgekehrt. Orte bleiben dieselben. Tickets gelten für beide Werke. Wer für dies heißeste Event des Spätsommers kein Ticket mehr kriegt, mag dem Chor nach Freiberg in Sachsen nachreisen (wo es zumindest ein bisschen Monteverdi gibt) – oder Berlin die Schuld daran geben, dass die Chöre den Mut nicht finden, öfters aufzutreten. Bitte mehr, Mister!

Pierre-Boulez-Saal & St. Hedwig-Kathedrale Französische Str. 33 D, Mitte  bzw. Hinter der Katholischen Kirche 3, Mitte,
Fr 15.9., 19 Uhr bzw. Sa 16.9., 15.30 Uhr, Karten 25–50 €

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