Indie Rock

Die Wild Beasts im Gespräch über Rockmusik und mehr

Die Wild Beasts aus Englands Provinz haben ein Album über die Krise der Männlichkeit gemacht. Ein Gespräch über Rock-Musik als Sauerstoffmaske

Foto: FA Schaap

Die vierköpfige Band Wild Beasts mit ihren Sängern Hayden Thorpe (l.) und Tom Fleming (r.) wurde 2002 als Schülerband gegründet. Ihr zweites Album „Two Dancers“ (2009) war für den renommierten Mercury Prize nominiert. Sie spielten Sessions für die BBC. Klanglich machen die Wild Beasts eingängigen Indie-Rock mit Gitarren und Synthesizern, vergleichbar mit Bloc Party und den Editors. Die Texte kreisen um Sexualität und wie sie zum Problem werden kann.

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Sie haben mal gesagt, Sie machen schwulen Kunst-Pop. Dabei sind Sie doch beide hetero, so weit wir wissen.
Tom Fleming Als wir angefangen haben, hingen wir viel mit britischen Macho-Jungs-Bands rum. Und obwohl wir auch aus dieser Szene kamen, fanden wir vieles daran befremdlich. Wir hielten uns schon immer mehr an schwule Künstler wie Antony and the Johnsons. Nicht diese weißen Hetero-Normalos in ihrer Selbstgefälligkeit. Wir protestieren dagegen. Sex, problematische Maskulinität, Unwohlsein mit dem eigenen, auch sozialen Geschlecht – im Grunde waren das schon immer unsere Themen, wenn auch nie so explizit wie auf der neuen Platte.
Hayden Thorpe Wir sind in Nordengland in Bauerndörfern aufgewachsen. Wo man mit der Hand anpackt und jede Empfindsamkeit fürs Emotionale so angesehen wird, als wäre das ziemlich neben der Spur. Unser Broterwerb ist aber nun mal das Coming-Out von Gefühlen. Wir machen uns verwundbar. So gesehen sind wir unversöhnbar mit dem, wo wir herkommen: die Jungs, die auf eine miese staatliche Dorfschule gingen – und die Typen, die jetzt versuchen, Kunst zu machen.

tip „Boy King“ heißt das neue Album und bezieht sich auf den ganz jungen ägyptischen Pharao Tutanchamun, dem Schwiegersohn von Nofretete.
Hayden Thorpe Ja, genau, als Prototyp von einem, der scheinbar enorme Macht hat und dem man wahnsinnigen Respekt entgegenbringt – der aber im Grunde gar nicht über die Fertigkeiten verfügt, dem gerecht zu werden. Wir sind eine Rockband, was viele automatisch mit Maskulinität verbinden. Aber, hey, im Grunde sind auch wir kleine Jungs im Sandkasten, mit ihren Unsicherheiten und Selbstzweifeln. Apropos antikes Ägypten: Die antiken Römer mochten Cross-Dressing. Es war Menschen doch schon immer wichtig, einen Abzug von sich zu generieren, der nicht ganz mit ihnen identisch ist, aber etwas aus ihnen heraus zum Ausdruck verhilft.

tip Auch Ihr zweistimmiger Band-Gesang mit Bariton und Falsett experimentiert mit eher untypischen Facetten von Männlichkeit.
Hayden Thorpe Wir wollen in mythische Gefilde vordringen. (lacht) Weil wir uns schon seit der Schulzeit so gut kennen, sind auch unsere Stimmen sehr vertraut im Klang miteinander. Wenn ich zwei Leute händchenhaltend auf der Straße sehe, denke ich manchmal: „Das sieht aber bemüht bei denen aus.“ Und manchmal hält man die Hand von jemandem zum ersten Mal und denkt direkt: „Es fühlt sich ganz genau so richtig an.“ So ist das, finde ich, bei uns beiden.

tip Die Platte handelt von der Krise der Männlichkeit.
Hayden Thorpe Zunächst geht es um Seelenschmerz und die Krise des Selbst. Doch wenn dein Selbstbild das eines Mannes ist, gelangst du rasch zur Frage: Was soll das heißen, ein Mann auf dieser Welt zu sein? Ich denke, wir stehen nicht allein da, wenn wir danach fragen: Mit welchen der althergebrachten Werte rund ums Kerlsein können wir noch etwas anfangen? Und wie geht das mit der neuen Männlichkeit zusammen – dem Mann, der mehr ist als das, wofür ein Mann früher stehen musste.

tip Fühlen Sie sich denn unter Druck, ­sensible Männer sein zu müssen?
Tom Fleming Wie man es auch anstellt, irgendwie wird man immer abgestraft. Rollenklischees und Heteronormativität sind so giftig – und trotzdem  muss man sich mit ihnen zumindest auseinandersetzen, um als Mitglied dieser Gesellschaft voranzukommen. Ach, wir sind alle vergiftet, Männer und Frauen! (lacht)

tip Wäre Ihnen denn eine Gesellschaft lieber, in der es die Kategorien Mann und Frau gar nicht mehr gibt?
Tom Fleming Huh, heißes Thema! Ja, das wäre doch was. Und es könnte passieren, auch wenn bisher nur eine Minderheit so denkt. Natürlich wird es schwierig, diese Denkschranken zu überwinden.
Hayden Thorpe Die Rockmusik arbeitet ja schon lange dran, bewusst oder unbewusst. Schauen Sie sich die Glam-Metal-Bands der 1980er-Jahre an! Diese wunderschönen wallenden Lockenhaare, diese figurbetonten Hosen. Manche der Jungs sahen aus wie Barbie-Puppen. War Rock da nicht auch Ausdruck von Gender-Fluidität? Auch darauf beziehen wir uns.

tip Lassen Sie uns über Frauen reden, so lang es das Konzept noch gibt. Einer Ihrer ­neuen Songs ist an die Alpha-Women adressiert.
Hayden Thorpe Es ist nun mal so, dass Frauen ungerechterweise oft viel härter arbeiten müssen, um das zu erlangen, was Männern leichter zugeschoben wird. Der Song ist ein sensibler Liebesbrief an eine Frau, die gezwungenermaßen egoistisch dafür arbeiten musste, das zu erlangen, was sie nun hat. Es geht um Versöhnung mit dieser Frau. Aber ganz ehrlich: Ich glaube, die Welt braucht keine Musiker, um politische Aussagen zu fällen.

Foto: FA Schaap

tip Trotzdem tendieren Künstler dazu, die Welt aus einer frischen Perspektive zu betrachten. Das kann der Welt Impulse geben.
Hayden Thorpe Das stimmt. Wir schreiben allerdings eher vom Herzen als vom Kopf her.
Da passt es aber gar nicht, dass Sie angeblich zu starren Bürozeiten von 9 bis 17 Uhr an Ihrer Musik arbeiten.
Hayden Thorpe Das hat sich im Lauf der Jahre auch geändert. Inzwischen ist es eher 11 Uhr vormittags bis 4 Uhr nachts. (lacht) Aber wir sind diszipliniert. Wir hatten ja als Teenager in den Kellern unserer Eltern begonnen. Die Leute fragten sich: „Was zur Hölle treiben die Jungs da in dem Raum?“ Wir galten immer als die Durchgeknallten, andere fanden uns gruselig. Die einzige Strategie dagegen war, zu arbeiten und was vorzeigen zu können. Dieser Zwang, sich zu rechtfertigen, hat uns niemals ganz verlassen. Inzwischen haben wir fünf Studioalben. Für eine effeminierte,  abgefahrene Jungs-Rock-Band aus Nord-England ist das doch was, oder nicht? Es gibt sicher deutlich talentiertere Typen, die das nicht packen.

tip Fühlen Sie sich im Kampf gegen Heteronormativität als Alliierte anderer britischer Indie-Rock Bands wie Bloc Party?
Hayden Thorpe Ich glaube, daran, dass man Vieles erst einmal für sich selbst machen muss. Wenn man das mit sich geklärt hat und noch anderen helfen kann – umso besser! Wenn ein Flugzeug gerade abstürzt, zieht man sich erst mal selbst die Sauerstoffmaske über, oder nicht? Dann hilft man andern. So geht es mir auch mit unserer Musik.

Kesselhaus (Kulturbrauerei) Knaackstr. 97, Prenzlauer Berg, Do 20.10., 20 Uhr, VVK: 24,80 €

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