Neopsychdelic

Die Zeitreisenden: Temples

Die Rockstar-Mannequins Temples sind die anmutig verwuschelten Posterboys des grassierenden Psychedelic-Rock-Revivals

Foto: Ed Miles

Adam Smith hat einen wiederkehrenden Traum: Im Schlaf begegnen ihm mannshohe Katzen. Die seien aber nicht unheimlich, sondern freundlich, erzählt der Keyboarder der britischen Band Temples. Ein Asket, wer da nicht an Alices Abenteuer hinter den Spiegeln denkt. Und den Reim, den sich Jefferson Airplane in ihrem drogeninduzierten Song „White Rabbit“ auf Lewis Carrolls Kinderbuch machten.

Kein ferner Gedanke, lassen schließlich Temples jenen Sound auferstehen, mit dem Bands wie The Doors oder The 13th Floor Elevators einst den Rausch in den Pop trugen: Psychedelic Rock, in den 60er-Jahren Abbild der dunklen Seite des Hippie-Traums. Produzenten wie Phil Spector schufen damals die technischen Voraussetzungen, um Gitarren zu loopen, Echos und Rückkopplungen zu erzeugen. LSD wurde Musik, der „Sommer der Liebe“ und sein langer Herbst fanden ihren hypnotischen Soundtrack. Später kam repetitive Gitarrenmusik in Gestalt von Shoegaze oder Stoner Rock zu neuer Relevanz, Bands wie The Flaming Lips und The Brian Jonestown Massacre retteten das Psychedelische durch die grungeversumpften Neunziger.

Doch so viel Acid wie heute war lange nicht im Rock. Seit die Australier Tame Impala ­Mitte der Nullerjahre das Zeittor in die Sixties aufstießen, arbeiten sich stetig neue Bands am Psych-Rock-Erbe ab. Der ausufernde Klang von US-Gruppen wie The Black Angels, Moon Duo und Thee Oh Sees, New Candys aus Italien oder Acid Baby Jesus aus Griechenland hat dem zackigen Indie den Rang abgelaufen.

Die Posterboys des Revivals aber sind Temples aus dem englischen Kettering. Anfang März veröffentlichten sie nun ihr zweites Album „Volcano“. Ein Werk, auf dem viele Erwartungen lasteten. Denn ihr Debüt „Sun Structures” aus dem Jahr 2014 hatte alles, was Rock braucht: Catchiness, Souveränität, den Hit „Shelter Song“. Vor allem aber bescheinigte man dem Quartett den absoluten Trumpf im Retro-Geschäft: Authentizität. Temples saßen in Ellen DeGeneres’ Talkshow, Frontmann James Bagshaw modelte – cool wie der junge Syd Barrett – für Yves Saint Laurent.

Und doch verwundert der Sonderstatus der Band. Denn hallt nicht auch der Surf-Pop der kalifornischen Allah-Las so schön wie sonst nur alte Seeds-Singles? Lässt nicht auch das Trio Night Beats aus Seattle den Hörer rätseln, warum ihre Songs nicht längst Genre­klassiker sind? Ihre Hausaufgaben haben viele der jungen Retromanen gemacht. Was also unterscheidet Temples von den Kollegen?

Adam Smith reißt die Augen auf: „Man, every­thing!“, sagt er. Der Keyboarder sitzt mit Gitarrist Tom Walmsley im Büro ihrer deutschen Promo­firma in Berlin. Und, man!, ist es absurd, diese Rockstar-Mannequins in ein tristes Bürozimmer zu zwängen! Die kunstvollen Haarhelme – auf Bandfotos anmutend, als seien die Männer gerade dem Bett entstiegen – sitzen wie in Bronze gegossen, die gepuderten Gesichter sind puppenblass. So außerirdisch sie anmuten, wollen Smith und Walmsley doch über das Kerngeschäft reden: ihr neues Album. Aufgenommen haben Temples „Volcano“ in ihrem Studio in Kettering. Ein Jahr sei von der ersten Idee bis zum fertigen Album vergangen. „Wir wussten nur,  was wir nicht wollten – uns zu wiederholen”, sagt Smith.

Tatsächlich irritierte die erste Single-Auskopplung „Certainty“ Fans des Debüts, nicht nur wegen der J-Pop-Ästhetik des Musikvideos. Temples haben ihr Klanginventar gewechselt: Statt der Lavalampe brennt da nun die Leuchtstoffröhre. Ihrem Hang zum Hymnischen, dem Gespür für große Refrains bleiben sie treu, überführen jedoch den Garagenrock des Debüts in quecksilbrigen, luziden Pop mit Psychedelic-DNA. Auf der Suche nach Referenzen muss man nicht ganz so weit in die Vergangenheit reisen: Etwa zehn Jahre ist es her, dass das Duo MGMT mit einem ähnlichen Sound Erfolge feierte.
Bekennen wollen sich Temples jedoch zu keinem Vorbild. „Wir sehen uns nicht als Psychedelic-Band”, sagt Adam Smith. Viel zu eng seien ihm die Grenzen des Genres. Und überhaupt: Regeln oder Trends zu folgen, sei ihre Sache nicht. Auf Erwartungen pfeifen, ihr eigenes Ding machen, innovativ sein: Solche Tugenden beschwören Smith und Walmsley im Gespräch. Den Musikkritiker Simon Reynolds, der mit seinem Buch „Retromania“ vor einer halben Dekade die These vertrat, die Rockmusik zitiere sich zu Tode, würden sie vermutlich verständnislos angucken. Die meinen es ernst. Oder können gut bluffen.
Doch am Ende spielt das keine Rolle. Denn eigentlich will man das Geheimnis dieser freundlichen Mittzwanziger, die sich artig für das Gespräch bedanken, gar nicht lüften. Lieber sollen sie Projektionsfläche bleiben für alle, die unter die Youtube-Videos von Pink Floyd schreiben, sie seien im falschen Jahrzehnt geboren.

Temples sind mehr als versierte Kenner der Rock-Ikonografie. Sie sind Meister der Illusion, die Sehnsüchte nach überlebensgroßen Rockstars befriedigen, ohne den dunklen Sog von Charakteren wie Jim Morrison zu entfalten. Ihre Trips bieten Eskapismus ohne Abgründe. Und sie erschaffen, was Keyboarder Adam Smith in seinen Träumen sieht: Trugbilder, so freundlich wie große Katzen.

Festsaal Kreuzberg Am Flutgraben 2, Treptow, Mo 10.4., 20 Uhr, VVK 21,60 €

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