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Dienstag in der Zitadelle Spandau: Stevie Wonder

Stevie WonderEinem multiinstrumental begabten blinden Jungen in der Vorpubertät den Namen „Wonder“ zu verpassen, ihn Ray-Charles-Balladen trällern und bei den  „Motortown Revues“ seiner Plattenfirma jahrelang den Mundharmonika spielenden Animateur machen zu lassen – das hätte traumatische Folgen haben können. Beim volljährigen Steveland Morris mündete jene harte Schule aber 1971 in einen großen Befreiungsschlag. Mit seinen Ersparnissen (die Stevie Wonder nicht zuletzt dem Umstand verdankte, dass er ab 1966 an fast allen seiner Hits wie „Uptight“ oder „I Was Made To Love Her“ als Komponist beteiligt war), baute er sich ein Studio, gründete einen eigenen Verlag und unterschrieb bei Motown die Vertragsverlängerung erst, nachdem ihm uneingeschränkte künstlerische Freiheit zugesichert wurde.
Unter solchen Voraussetzungen glückte es Stevie Wonder als einem der ersten Soulmusiker, das Album als geschlossene Kunstform zu etablieren. Und dies kam innerhalb seiner hitfixierten Plattenfirma Motown, die bis dahin in der Langspielplatte lediglich ein einträgliches Anhängsel zu bereits erfolgreichen Singles gesehen hatte, einer Revolution gleich. Vor allem mit dem Impuls, fortan nicht nur Liebesfreuden und –leiden zu besingen, sondern in seinen Liedern auch soziale Ungerechtigkeit und leere Politikerversprechen zu thematisieren, rannte Wonder bei Motown-Chef Berry Gordy keine offenen Türen ein. Dessen Skepsis schien durch den vergleichsweise bescheidenen Erfolg von „Where I’m Coming From“ (1971) zunächst bestätigt, und doch war in diesem Album, das erstmals nur Stücke enthielt, die Wonder mit seiner Kollegin (und kurzzeitigen Ehefrau) Syreeta Wright schrieb, die Formel seiner kommenden Siebzigerjahre-Werke bereits angelegt: der noch zurückhaltend am Klavier vorgetragenen Aufforderung „Look Around“ folgte mit dem Slogan „Do yourself a favour, educate your mind“ ein Appell voller Funk und Witz.
Stevie WonderIn dem Wunsch, mittels seiner Kunst das politische Bewusstsein der Hörer zu schärfen, hatte er zwar in Marvin Gaye und Curtis Mayfield bedeutende Brüder im Geiste, doch sowohl beim Experimentieren mit Synthesizern als auch beim Verweben verschiedenster Genres hatte Wonder eine Dekade lang die Nase vorn: Keiner ließ vor „Superstition“ das Clavinet so funky klingen. Mit „Music Of My Mind“, „Talking Book“ (beide 1972), „Innervisons“ (1973), „Fullfillingness First Finale Pt. 1“ (1974) und dem Tripelalbum „Songs In The Key Of Life“ (1976) schuf Stevie Wonder zwischen Anfang und Mitte zwanzig ein Њuvre, dessen Vielfalt bis heute nichts an Faszination verloren hat. Spätestens nach dem Erscheinen des Albums „Talking Book“, mit dem Stevie Wonder dank einer gemeinsamen Tour mit den Rolling Stones auch das weiße Rockpublikum erobern sollte, waren an jede seiner Veröffentlichung höchste Erwartungen verknüpft – die er einlösen konnte wie im Jahrzehnt zuvor vielleicht nur die Beatles. Und als sei er damals noch nicht genügend ausgelastet gewesen, produzierte Wonder zudem noch vorzügliche Platten von Minnie Riperton und seiner Ex-Frau Syreeta Wright.

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Fotos: Pop-Eyeheinrich

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