Konzerte & Party

Dieter Meier im Berghain

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Der nimmt sich gerade eine Auszeit von Yello und probiert mit neuer Band einen Stilwechsel aus. Berlin spielt dabei eine wichtige Rolle. Man mag es kaum glauben, aber er singt. Nicht aus Jux und Tollerei, sondern in aufrichtiger Absicht und inbrünstig. Auf seinem ersten Soloalbum „Out Of Chaos“ imponiert Dieter Meier mit einer Stimme, die irgendwo zwischen Tom Waits, einem französischen Chansonnier und Steve Kilbey, dem Sänger der australischen Band The Church, liegt. Er berichtet davon, vor Liebe blind zu sein – und tut das mit spürbarer, innerer Aufregung. Das ist schon überraschend. Meier hat sich über die Jahrzehnte bei Yello einen eigenen Singsang angewöhnt, der mehr mit Rap als konventionellem Gesang zu tun hat. Dafür ist er zusammen mit seinem langjährigen musikalischen Wegbegleiter Boris Blank gerade erst mit einem Echo für das Lebenswerk geehrt worden.

Jetzt wollte Meier zur Abwechslung mal etwas anderes probieren und sich in einer ungewohnten Umgebung bewähren. Die Gele­genheit dazu ergab sich per Zufall. Zum Album „Touch Yello“ gab es einen virtuellen Konzertfilm, quasi als Ersatz, weil das Duo aufgrund von Blanks Bühnenabneigung nie live spielt. Meier sollte dem ursprünglichen Plan nach in Kinos etwas über die Band und das Projekt erzählen und dann den Startschuss für die Vorführung geben. Das reichte ihm aber nicht. „Ich wollte den Leuten für ihr Geld schon etwas mehr bieten und arbeitete mit dem Geiger Tobias Preisig und Gitarristen Nicolas Rüttimann an neuen Songs. Am Ende stand ich auf der Kinobühne und sang diese Stücke. Das war für mich eine Neuerfindung. Angefangen hatte es bei mir mit einer improvisierten Mischung aus nicht existierendem, afrikanischem Dialekt und halb existierendem Englisch. Es war chaotisch, wild, lustig und manchmal auch misslungen. Im Laufe der Jahre habe ich diesen Stil perfektioniert. Aber das ist nichts im Vergleich zu der Diszipliniertheit, die ich in diesem Fall an den Tag legen musste.“

Es sollte nicht bei einer Episode bleiben. Einem Tourveranstalter gefielen die Kino-Auftritte so gut, dass er für Meier richtige Konzerte buchte. Nun musste mehr Material her, das schließlich im Neuköllner Studio Chez Chйrie aufgenommen wurde. Preisig und Rüttimann waren wieder dabei, dazu gesellten sich Pianist Ephrem Lüchinger, Bad-Seeds-Schlagzeuger Thomas Wydler und die Produzenten Nackt, Ben Lauber und T.Raumschmiere. Für Meier kam nur Berlin als Aufnahmeort infrage. Er hat gute Erinnerungen an die Stadt. 1980 hat er hier den Spielfilm „Jetzt und alles“ gedreht und zu der Zeit auch in der geteilten Metropole gelebt. Auch jetzt fühlt er sich bei uns mehr als wohl.

„Ich werde mir hier bald wieder eine Wohnung mieten. An Berlin gefällt mir vor allem der fehlende Klassendünkel. Es ist eine Stadt der Gegensätze, die sich total vermischen. Es herrscht auch sehr viel Aktivität im Underground. Letztens war ich in Neukölln in einem Konzertraum namens Beiruth in der obersten Fabrik­etage. Da spielte eine junge Sängerin mit unglaublicher Lautstärke und gab sich ihren Experimenten hin. So etwas finde ich inspirierend.“ Manch einer mag sich wundern, warum Meier das noch auf sich nimmt. Er ist als Rinderzüchter, Winzer, Bio-Bauer und Restaurant-Besitzer ordentlich eingespannt. Aber die Musik packt ihn immer wieder. „Wenn ich mich ihr hingebe, setze ich mich einer nicht verwalteten Irrationalität aus. Musik erreicht Teile des Geistes, an die man sonst nicht herankommt.“

Text: Thomas Weiland

Dieter Meier Berghain, Mi 7.5., 21 Uhr, VVK 35 Ђ zzgl. Gebühr

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