Konzerte & Party

Dillon in der Volksbühne

Dillon

tip Du spielst zum wiederholten Mal in der Volksbühne. Was bedeutet der Ort für dich?
Dillon Ich liebe die Volksbühne! Ich bin zwar kein Theaterfan, und denke bei der Volksbühne daher auch nicht an Stücke, sondern an Architektur. Ich habe lange Zeit direkt neben der Volksbühne gewohnt, das war für mich das Allerschönste morgens rauszugehen und das Haus gleich vor mir zu sehen.

tip Kannst du dich erinnern, wie die Stadt auf dich wirkte, als du 2007 von Köln nach Berlin zogst?
Dillon Absolut, ich weiß sogar noch, wie Berlin auf mich wirkte, bevor ich herzog. 2007 habe ich in Neukölln gewohnt und es hat keinen Spaß gemacht, dort auf der Straße zu sein. Jetzt ist es komplett anderes: nicht mehr gefährlich, homophob und sexistisch.

tip Iggy Pop beschreibt seine Berliner Zeit als unheimlich inspirierend für sein Songwriting aufgrund der Architektur. Inwieweit brauchst du ein bestimmtes Umfeld, um Songs entstehen zu lassen?
Dillon Ich brauche tatsächlich Platz, auch visuell. Der Fakt, dass man hier stundenlang durch die Stadt fahren kann, bevor man nichts mehr sieht: Das ist für mich Freiraum. In Köln ist es viel, viel enger. Da habe ich das Gefühl, dass meine Gedanken nicht so viel Platz haben. Ein Großteil der Freifläche in Berlin resultiert natürlich aus der Trennung.

tip Ist das überhaupt noch ein Thema?
Dillon Ich muss sagen, ich hatte nie über Ost- und Westdeutschland nachgedacht. Bis ich nach Berlin gezogen bin. In Deutschland war ich immer Ausländer und bin es jetzt auch, das heißt, ich hab nie an Grenzen innerhalb Deutschlands gedacht, weil ich so beschäftigt war als Kind und in meiner Jugend mit meiner eigenen Geschichte und mit meinem eigenen Schicksal. Aber jetzt: Ja, ich erkenne es, ich kann Osten von Westen unterscheiden. Aber es die Grenzen verschwimmen mehr und mehr.

tip Was auch für deine Musik gilt, die sich den klaren Genre-Grenzen entzieht.
Dillon Wobei ich verstehe, dass Menschen versuchen, diese mit Kategorien zu beschreiben. Ich bin ja sehr früh, aber zufällig zur Musik gekommen. Wenn man selbst noch gar nicht weiß, was man macht, kann es sehr verunsichernd sein, wenn die ersten Gehversuche in bestimmte Schubladen gesteckt werden. Ich mache weder Chanson-Pop noch Technomusik.

Dillontip Statt ein griffiges Genre zu erfinden, könnte man Deine Musik auch einfach beschreiben.
Dillon Ja, aber beschreiben kostet Zeit und wenn es ein fertiges Wort dafür gibt, warum dann fünf andere Wörter benutzen? Also, das ist nicht meine Einstellung, aber ich glaube das mittlerweile so verstehen.

tip Zeit ist ein anderes Stichwort. Du hast ja dir drei Jahre Zeit genommen zwischen den beiden Platten.
Dillon Ich musste mich tatsächlich zwingen. Ich war sehr krank, mir ging es wahnsinnig schlecht. Dann habe ich irgendwann gemerkt, dass es keinen Weg drum herum gibt, ich muss dieses Album machen und danach kann ich mich mit allem anderen, was mich reizt und interessiert auseinandersetzen. Aber bis dahin wollte ich gar nichts machen und dann war es wirklich, dann hab ich mich gezwungen.

tip War das ein eigener Impuls oder auch durch das Umfeld bedingt?
Dillon Nee, das war überhaupt nicht mein Umfeld. Das war Leben oder Tod: Entweder ich fange an zu schreiben oder ich bringe mich um.

tip Das heißt aber auch, der Abstand zum nächsten Album wird deutlich kürzer werden?
Dillon Ich hoffe, ich bin dieses Jahr wieder im Studio.

tip Du sprichst ja mehrere Sprachen, in welcher Sprache schreibst du denn die ersten Entwürfe der Lyrics?
Dillon Englisch. Portugiesisch ist meine Muttersprache, aber ich war halt auch schon fünf, als ich hier hergezogen bin. Ich war nur im brasilianischen Kindergarten in Sao Paulo. Ich konnte dann nach zwei Monaten Deutsch, das heißt, das ist eigentlich die Sprache, auf der ich angefangen habe zu rechnen und zu lernen. Mit elf ging ich dann auf eine englische Schule, auf einmal war kein Deutsch mehr in meinem Alltag. Mit 18 wusste ich nicht, ob ich in Deutschland studieren kann, weil ich so unsicher in meinem Deutsch war, ich dann aber gemerkt habe dass das absolut lächerlich ist und das nur in meinem Kopf war.

tip Englisch ist für dich fast wie eine Muttersprache.
Dillon Meine Mutter konnte auch kein Deutsch, als wir hier hingezogen sind, das heißt sie und mein Stiefvater haben immer Englisch miteinander gesprochen. Mittlerweile werden in meinem Elternhaus drei Sprachen gesprochen und zwar in einem Satz, das geht.

tip Abschließend zur Live-Performance: Inwieweit spielt denn für dich der Bühnenraum eine Rolle? Es ist ein Unterschied zu einem Club.
Dillon Theaterbühnen sind auf jeden Fall die Idealvorstellung. Sie sind das beste, was mir bei einer Live-Performance passieren kann, allein vom Platz her, und von den Räumlichkeiten. Nichtsdestotrotz hat ein Club auch seinen Reiz oder sogar ein Keller, es kommt drauf an was man daraus macht, aber so wie ich das Licht gestaltet habe, funktioniert es im Theater am besten. Wir kommen an und verlassen das Gebäude ewig nicht mehr, denn im Theater gibt es alles, was man braucht.

Interview: Ronald Klein

Dillon, Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin-Mitte, Sa 04.10., 20 Uhr

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