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Dimitri Hegemann und Aaron Castle über das Älterwerden im Nachtleben

Dimitri Hegemann und Aaron Castle

tip Thema Locations – Aaron, wonach suchst du die Locations für deine Partys aus?
Aaron Castle Für meine eigenen Partys schaue ich darauf, wer oder wie das Management des Ladens ist, was für Leute sonst so da sind, wie ihr musikalischer Fokus ist. Und dann kommt es natürlich auf den Raum selbst an. Eine Party wie ein Greco-Roman-Event im Stattbad, das wir neulich veranstaltet haben, wo Thom Yorke und Caribou fünf Stunden Rücken an Rücken aufgelegt haben, ist für mich ein realisierter Traum, von dem man vorher nicht dachte, dass es je wirklich passieren würde.
Dimitri Hegemann Je älter ich werde, desto klarer wird mir, dass der Raum, in dem eine Party stattfindet, einen ganz entscheidenden Stellenwert hat. Er macht 50 Prozent des Gelingens der Party aus. Das tollste Line-up kann nicht glänzen, wenn der Raum nicht stimmt.

tip Ist es denn in Berlin im Verhältnis zu anderen großen Metropolen immer noch einfach, wirklich außergewöhnliche Locations zu finden?
Aaron Castle Ich denke schon, es gibt hier immer noch viele Pop-up-Locations, auch wenn man inzwischen außerhalb der Innenstadt suchen muss. Was ich als größere Schwierigkeit sehe, ist, dass viele bekanntere DJs inzwischen Exklusivverträge mit bestimmten Clubs haben und nur dort auflegen können und man sie für neue, unbekanntere Partys gar nicht buchen kann.
Dimitri Hegemann Der Wettbewerb ist viel, viel härter geworden. Damals war es zwischen den Clubbetreibern und Veranstaltern sehr viel hippiemäßiger und herzlicher. Ansonsten hatten wir zur Wendezeit ganz andere Möglichkeiten: Es war die große Zeit der Zwischennutzungen, weil es einfach irre viele Locations gab, bei denen niemand genau wusste, was aus ihnen werden sollte. So konnte man mit den Eigentümern oder Verwaltern immer Deals machen für eine kurze Nutzungszeit. Der erste Tresor hatte ja über 14 Jahre lang immer nur einen Mietvertrag, der im Schnitt drei Monate ging und dann eben wieder kurzfristig verlängert wurde. So ging es ja vielen anderen auch. Daraus ist eben der Spirit in Berlin entstanden, immer Ausschau nach neuen Locations zu halten, der das Nachtleben hier prägt. Heute geht es sehr oft darum, vorhandene Locations interessant zu bespielen. So gesehen war damals das Zeitalter der Macher und heute ist das Zeitalter der Booker.

Dimitri Hegemann und Aaron Castletip Die wilden Jahre sind vorbei, oder?
Dimitri Hegemann In der frühen Wendezeit hat man sich gar nicht so einen Kopf gemacht, alles war unbeschwerter. Man hat einen Laden aufgesperrt, eine Anlage reingestellt, alle haben zusammengelegt, sind mit dem DJ vorher essen gegangen, dann hats einen Zehner Eintritt gekostet und irgendwie hats funktioniert. Heute gibt es eine ganz andere Verantwortung. Heute hat der Tresor über 40 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte. Aber das muss auch so sein. Als ich damals den Laden aufmachte, war ich Anfang 30 und die Crew waren alle so um die 20. Jetzt bin ich 60 und die sind alle 50. Und anders als Fußballspieler, die irgendwann aufhören, gibt es ja die Leute immer noch und die gehen auch immer noch aus. Das war ja früher undenkbar, dass über 45-Jährige sich noch in Technoclubs rumtreiben, aber das ist heute Standard, gerade in Berlin. Und das zeigt die Magie dieser Technobewegung. Meine Eltern gingen „kegeln“, heute gehen die Eltern „clubbing“. Ist inzwischen voll akzeptiert.
Aaron Castle Ich denke nicht, dass es heute die gleichen Spielräume gibt wie früher. Dafür ist das Nachtleben in Berlin zu groß und zu bekannt, die Behörden haben das im Fokus.

tip Wie bewerbt ihr eure Partys? Das klassische Medium war ja mal der Flyer …
Aaron Caslte Dann kamen ja die Facebook-Einladungen, von denen jeder inzwischen so viele kriegt, dass viele auch nicht mehr reinschauen. Für uns ist der Resident Advisor ein sehr wichtiges Medium. Am wichtigsten ist Mundpropaganda.
Dimitri Hegemann Dem würde ich zustimmen. Auch wenn sich beim Resident Advisor mancher Promoter mit seiner Crew und Dutzenden von Fake-Accounts selber hochklickt, damit er ganz oben steht.

tip Stichwort Türpolitik. Der Boiler Room agiert strikt nach dem Guest-list-only-Prinzip.
Aaron Caslte Die Idee dahinter ist nicht, irgendwen von vornherein auszuschließen. Allerdings wollen wir beim Boiler Room nicht Leute haben, die nur hingehen, weil es der Boiler Room ist und weil sie sich dann besonders affig benehmen, bloß weil sie gefilmt werden.
Dimitri Hegemann Ich überlege gerade, für unseren Eingangsbereich das Welcome-Team mit vier buddhistischen Nonnen zu bereichern, was sich günstig auf die Stimmung auswirken könnte. Das ist gerade mein Pilotprojekt…

Dimitri Hegemann (60) ist seit den frühen 1980ern im Nachtleben der Stadt als Macher aktiv, seine Ideen und Unternehmungen reichen vom Fischlabor in Schöneberg bis hin zum ersten Acid-House-Club Berlins, dem UFO, und dem Atonal-Festival. Am bekanntesten ist er sicher als Macher des Tresor-Clubs und -Labels.

Aaron Castle (27), geboren in Australien, ist seit drei Jahren in der Stadt. Er ist nicht nur DJ (Baron Castle), hat ein eigenes Label (Myth Music), arbeitet für ein zweites (Hotflush) und macht selbst Veranstaltungen im Chalet und ?://about blank, sondern gehört auch zum Produktionsteam des Boiler Rooms.

Interview: Jürgen Laarmann

Fotos: Lena Ganssmann

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