• Konzerte & Party
  • DJ Shadow über unmenschliche Urheberrechtsgesetze und Waldbrände in seiner Heimat Kalifornien

HipHop-Erneuerer

DJ Shadow über unmenschliche Urheberrechtsgesetze und Waldbrände in seiner Heimat Kalifornien

Er hat Bahnbrechendes für den HipHop geleistet, seit neuestem komponiert DJ Shadow aber auch für Orchester. Der Grenzgänger über unmenschliche Urheberrechtsgesetze und Waldbrände in seiner Heimat Kalifornien

„Drei Wochen dauert es, bis sich der Geist und das Herz eines Albums offenbaren“: DJ Shadow in seinem Studio, Foto: Derick Daily

Joshua Davis aka DJ Shadow bewegt sich rasant auf die 50 zu, und es wäre gelogen, zu behaupten, man würde es der Musik nicht anmerken. DJ Shadow galt in den frühen 90er-Jahren als Vorreiter des Turntablism, er entwickelte Musik aus der Manipulation von existierenden Platten und Plattenspielern. Sein Debüt „Entroducing …“ (1996) war das erste Album, das nur aus Samples bestand – kein Wunder bei einer Plattensammlung von über 60.000 Stück. DJ Shadow verband damals HipHop mit Soundexperimenten, diese Mischung schlägt er heute ganz großformatig auf: Sein neuestes Werk „Our Pathetic Age“ ist ein Doppelalbum, das sich in eine instrumentale und eine Hälfte mit Vocals teilt, die übernommen werden von Rap-Größen wie De La Soul, Raekwon oder Nas.

tip Mr. Davis, Sie kommen scheinbar im Progrock an: Sie haben ein Doppelalbum gemacht, erstmals Musik für ein Orchester geschrieben. Hat Sie der künstlerische Ehrgeiz gepackt?

DJ Shadow Ich wollte mit einem offenen Geist und einer leeren Tafel starten und einfach die Musik passieren lassen. Die ersten drei Wochen sind beim Entstehen meiner Alben immer die Zeit, in der sich der Geist und das Herz eines Albums langsam offenbart. In dieser Zeit möchte ich es einfach fließen lassen. Diesmal war es so, dass ein Freund die Idee hatte, ein Doppelalbum auszuprobieren, und ich mochte den Gedanken. Ich wollte etwas Neues ausprobieren. Nicht nur so offensichtlich wie beim Komponieren für Orchester, sondern auch subtil.

tip Was ist für Sie der Reiz des Komponierens im Vergleich zur Arbeit mit Samples?

DJ Shadow Ich habe immer Menschen verehrt, die ein Instrument spielen und auf diese traditionelle Art Musik schreiben können. Ich habe das nicht gelernt und mein Instrument ist der Sampler. Das war, was ich als Teenager gewollt habe, das war für mich, was für andere die E-Gitarre war. Aber selbst, wenn ich Gitarre gelernt hätte, würde ich heute sicher Trompete spielen wollen.

tip Wäre Ihre musikalische Karriere denn ganz anders verlaufen, hätten Sie E-Gitarre gelernt als Teenager?

DJ Shadow Ja, vermutlich. Schon mit zehn war ich gelangweilt vom Rock’n’Roll. 1980, mit acht, neun Jahren, fing ich an, R&B zu hören: Lakeside und Kool & The Gang. 1982 hörte ich zum ersten Mal Rap, und das war das erste Mal, dass ich etwas hörte, was ich tiefer erkunden wollte. Das war für mich ein ähnlich wichtiger Moment wie 1977 zum ersten Mal jemand mit einem Iro zu sehen.

tip Konnten Sie sich als weißer Junge mit den Rappern identifizieren?

DJ Shadow Sicher. Ich komme aus einem sehr liberalen Elternhaus, ich glaube, Unterschiede zwischen Menschen wurden nicht thematisiert. Genauso wie ich spürte, dass Rock-Gruppen aus unterschiedlichen Menschen bestehen und alle unterschiedlich aussehen, war es für mich mit Rappern. Ich wusste ja auch wenig darüber, außer, dass ich es mochte. Für mich war es eher eine neue Form von Soul. Ich war nicht sophisticated genug, um mehr zu verstehen, aber ich wusste, dass das Musik ist, die volle Kontrolle über ihre Botschaft behält – der erste Song, den ich hörte, war genau auch der: „The Message“ von Grandmaster Flash. Das war eine Sprache ohne „Uh yeah“ und „Oh baby“, das war – bumm! Nur Realität.

tip Warum ist Sample-Musik beinahe verschwunden? Selbst Sie als einer ihrer Pioniere arbeiten nun mit Originalmaterial.

DJ Shadow Da gibt es viele Gründe. Einer davon, und das ist nicht besonders sexy, sind Urheberrechtsgesetze. Die sind so etwas wie der Sensenmann, der immer in der Ecke steht, wenn du mit Samples arbeitest, und jederzeit zu dir herantreten könnte. Die gegenwärtige Gesetzeslage ist mittlerweile: Du darfst niemandem jemals ähnlich klingen. Und das ist für mich unmenschlich.

tip Damit wäre die Grundidee von Pop dahin.

DJ Shadow Jedes Mal, wenn du einen Song schreibst, musst du eigentlich so tun, als hättest du nie die Beatles gehört, Elvis oder BB King. Du musst so tun, als wäre alles eine unbefleckte Empfängnis. Dabei ist das unmöglich. Wenn ich über den Albumtitel spreche, „Our Pathetic Age“, spreche ich auch über diese Form des Hyperkapitalismus, in der es nicht um richtig und falsch geht, sondern um Rechtsprechung. Das ist erbärmlich. Sampling ist toll, aber es ist riskant. Ich wäre gerne bereit, das Risiko für 500 Samples auf einem Album zu tragen, aber realistisch trage ich es lieber nur für 20. Ich versuche, diese Kunstform weiterzubringen, aber es ist naiv, nicht zu registrieren, was hinter den Kulissen abläuft.

tip Erzählen Sie mehr über den Albumtitel.

DJ Shadow Egal, wo du lebst, gerade zeigt doch alles in die falsche Richtung. Und niemand weist auf das Offensichtliche hin: Die Verbindung des Aufstiegs des Internets mit diesem kollektiven Frust. Wir können uns auf nichts einigen, wir kommen nirgendwo zusammen. Und das beste Beispiel ist Umwelt: Würdest du alle Menschen einzeln fragen, ob man mehr für Klimaschutz tun sollte, würden 99 Prozent sagen: Ja, unbedingt. Aber als Kollektiv tun wir nichts. Und das wird durch die sozialen Medien verstärkt. Ich verstehe es nicht, aber in 30 Jahren wird jemand das belegt haben und dann stehen wir da wie Deppen. Wir sind Süchtige, aber wir wollen nicht darüber reden.

tip Ist es schwer, das ästhetisch umzusetzen?

DJ Shadow Ich muss immerhin nicht bei Twitter rumschreien. Ich kann Musik machen. Ich versuche, in den Spiegel zu schauen und das zu interpretieren, was ich sehe. Ich will das nicht umarmen, aber halbwegs akzeptieren, um durch den Tag zu kommen.

tip Können Sie konkret beschreiben, wo politische Gedanken in die Musik rücken?

DJ Shadow Der Song „Firestorm“ etwa heißt nicht zufällig so. Ich lebe in Nordkalifornien. Hier zeigt sich der Klimawandel in der Waldbrand-Saison. Sechs Monate lang regnet es nicht. Wenn dann eine Stromleitung im Wind bricht, wird eine ganze Stadt über Nacht ausgelöscht. Eine Stadt, in der ich als Kind lebte, Middletown, brannte vor vier Jahren komplett ab. Alle haben ihr Problem: Zu viel Regen, zu wenig, zu heiß, zu kalt. Überall ist etwas nicht mehr in Ordnung. Wo ich lebe, fällt Asche vom Himmel, und dieser Himmel ist tagelang schmutzig orange gefärbt. Als Künstler darf ich die Augen davor nicht verschließen. Ich will, dass mein Album in 20 Jahren dafür steht, wie wir in dieser Zeit gelebt haben.

Metropol Nollendorfplatz 5, Schöneberg, Mo 24.2., 20 Uhr, ausverkauft

Mehr über Cookies erfahren