Konzerte & Party

Doku.Arts im Zeughauskino

Inventory Of The Motherland

Der letzte russische Zar Nikolaus II regierte ein großes Land, von dem er keine Ahnung hatte. Als ihm das klar wurde, sandte er einen Fotografen aus. Sergej Prokudin-Gorskij brachte es auf insgesamt 1.900 Farbdias, er war ein Pionier in diesem Format, und wenn man wissen will, wie das vorrevolutionäre Russland ausgesehen hat, dann kommt man um sein Werk nicht herum. Kürzlich begab sich der niederländische Filmemacher Ben van Lieshout auf die Spuren von Prokudin-Gorskij. Das Ergebnis ist „Inventory of the Motherland“ (Szenenfoto), ein sehr interessanter Versuch, mit den Mitteln des Kinos die Fotografie einzuholen. Wenn man ein wenig überspitzen wollte, könnte man auch dieses Nachfolgeprojekt als vorrevolutionär bezeichnen – denn in Russland muss etwas passieren, ganz ohne Zweifel. Es könnte aber auch sein, dass „Inventory of the Motherland“ darauf verweist, dass Russland einer eigenen Zeitrechnung folgt. Jedenfalls scheinen nicht unbedingt 100 Jahre vergangen zu sein zwischen den beiden dokumentarischen Projekten. Dass dieser besondere Film im September im Zeughaus zu sehen sein wird, verdankt sich dem Projekt Doku.Arts, das bereits im Vorjahr eine Reihe von Filmen zum Thema künstlerischer Produktion vorgestellt hatte und in diesem Jahr eine Fortsetzung findet, die sich gleich als zweiteilig zu erkennen gibt – 2014 soll es weitergehen, das Stichwort „Second Hand Cinema“ bleibt bis dahin gültig. „Aus zweiter Hand“, das bedeutet hier in etwa, dass das Kino eine Metaebene einnimmt. Die Vielfalt ist dabei wieder enorm. Es gibt Vermittlungen zwischen westlichem und saharanischem Jazz („Transmitting“ von Christoph Hübner und Gabriele Voss), einen Kompilationsfilm über die ägyptische Schauspielerin Soad Hosni („The Three Disappearances of Soad Hosni“), und man kann dem Weltinventurfotografen Sebastiгo Salgado bei der Arbeit zusehen („Revelando Sebastiгo Salgado“). Zwei Beispiele seien noch ein wenig hervorgehoben: „All This Can Happen“ von Siobhan Davies und David Hinton ist eine absolut verblüffende Montagearbeit aus Archivmaterial, ausgehend von Robert Walsers Text „Der Spaziergang“. Das maßgebliche Verfahren in diesem Fall ist Split-Screen, das hier ganz neue Sichtweisen auf scheinbar beliebige Aufnahmen ermöglicht: Sie werden (die bisherige Arbeit von Siobhan Davies legt den Vergleich nahe) choreografiert. Zhao Gangs Dokumentarfilm „Actress“ hingegen ist klassisches „direktes“ Kino. Hier wird ein Theaterensemble in der chinesischen Sichuan-Region gezeigt, das unter ärmlichen Bedingungen berühmte Stücke lebendig hält. Im Mittelpunkt steht die sechzehnjährige Dandan, ein Mädchen von heute, das aber aus Familienräson buddhistische Gottheiten spielt. Eine alte Kunst, die durch dichte Beobachtung unvermutete Facetten bekommt – wie so vieles in diesem Programm.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Ben van Lieshout Filmproducties

Doku.Arts, ?bis Sa 28.9. im Zeughauskino

www.dhm.de

Mehr über Cookies erfahren