Konzerte & Party

Dolly Parton in der O2 World

Dolly Parton

Als Klein-Dolly zum ersten Mal ihr Dorf in den Bergen von Tennessee zugunsten der nächsten Kleinstadt verließ, hatte sie von nichts eine Ahnung. Das erste weibliche Wesen, das ihr Interesse weckte, so die Legende, war eine Professionelle in Hotpants, High Heels und mit blonder Turmfrisur. Das gefiel ihr, und bis heute scherzt die First Lady of Country: „Es ist verdammt teuer, so billig auszusehen.“ Ob sie ahnte, dass sie damit ihren größten Claim to Fame erschuf und zugleich die Basis für das größte Missverständnis? „Halloween-Ausgabe von Barbie“ ist fast noch die charmanteste Beschreibung ihrer optischen Persona, die zur Grundlage der beeindruckendsten Karriere im Country wurde – kreiert vor einem halben Jahrhundert –und modisch, theatralisch sowie chirurgisch stets up to date gehalten wird. Auf die Frage, wie lange sie täglich mit ihrer Frisur beschäftigt ist, antwortet die schlagfertige Südstaatlerin: „Keine Ahnung, ich bin nie dabei.“
Dolly Parton ist eine Kunstfigur, die ihrer Schöpferin ähnlich viel Freude bereitet wie ihren Fans. Sie bildet die Basis eines ganzen Wirtschaftsimperiums bestehend aus Plattenfirma, Filmfirma, Musical und einem Themenpark namens Dollywood, die Marke ziert ein Militärpanzer, das erste Klonschaf wurde nach ihr benannt sowie diverse Flipper- und Glücksspielautomaten, auch eine Stiftung trägt ihren Namen, die kostenlos Bücher an Kinder verteilt. Wer denkt, unter den blonden Bombastperücken würden nur kleine Spatzen zu Hause sein, der irrt sich gewaltig. Und wer der geschäftstüchtigen Künstlerin ihre Ernsthaftigkeit streitig machen möchte, der höre sich nur mal das Titelstück ihres neuen, gefühlten fünfhundertsten Albums „Blue Smoke“ an, ihre Adaption von Dylans „Don’t Think Twice“ oder das Willie-Nelson-Duett darauf.
Dolly PartonAndererseits – es sind immer die Stimmen, die entscheiden. Dolly Parton, das vierte von zwölf Kindern einer Farmerfamilie, die ihr Überleben durch Straßenbau sichern musste, ist wie nahezu alle Country-, Blues- und Soulsänger mit Kirchenmusik groß geworden. „Die alten Gospellieder und Spirituals zu singen, ist mit nichts zu vergleichen“, sagt sie. Das bedingungslos geöffnete Herz, die Bereitschaft und der unerschütterliche Glaube gaben ihrer hohen, tremoloreichen Stimme jene Flügel, die sie mit ihrem reinen Herzen und weiblichen Charme für die Menschen in ihrer Umgebung unwiderstehlich machten. „A flirting machine“, wie sie genannt wurde. Gleich am ersten Tag in Nashville, ohne das eine Countrykarriere in den Sixties undenkbar war, lernte sie Carl Dean kennen, mit dem sie noch heute verheiratet ist. „Er ist der Fels in meinem Leben.“ Ihr erster, natürlich eigenhändig geschriebener Hit wurde „Dumb Blonde“, Selbstironie war schon damals ihre schärfste Waffe, die sie auch bitter nötig hatte, denn eine selbstbewusste, selbstbestimmte weibliche Künstlerin hatte es in Zeiten der Good Ol’ Boy Networks verdammt schwer. Ihre Stimme wurde als zu hoch für Plattenfirmen und die Radioshow „Grand Old Opry“ befunden. Ihr Killer-Look wiederum öffnete ihr die Fernsehstudios, wo sie an der Seite von Countrystar Porter Wagoner Geschichte schrieb. Die „Porter Wagoner Show“ war eine Institution und dort aufzutreten die Erfüllung eines Traums. Hinter der Bühne zollte er der talentierten Dolly allen Respekt, aber vor der Kamera wurde sie wie ein dummes Mädchen behandelt, schildert die Parton-Biografin Alanna Nash. So wurde Wagoner, der als wild wie der frühe Johnny Cash galt, in seinen schrillen, bunten Anzügen und mit seinem Landeihumor zum Ansporn für Dollys Drang nach Unabhängigkeit.
Dolly PartonEiner ihrer größten Hits „I Will Always Love You“, den später auch Whitney Houston an die Spitze brachte, handelt vom Ende dieser Partnerschaft.  Ihre Duette aber wurden zum Maßstab einer Königsdisziplin. „Ich wusste sofort, dass zwischen den beiden ungleichen Stimmen etwas Besonderes passiert. Ein Tanz der Klänge, der dir den Atem raubt“, sagt Emmylou Harris im Vorwort der fabelhaften 6 CDs umfassenden Bear-Family-Box, „Just Between You And Me“, zu den Dolly-Parton-und-Porter Wagoner-Aufnahmen von 1967 bis 76.
So unecht ihr Äußeres auch sein mag, ihre Songs sind echt. Bis heute hat Dolly Parton eine der wichtigsten Eigenschaften des Großteils der Southern Music bewahrt: vom wirklichen Leben zu erzählen. Vom Eifersuchtsdrama zwischen Schwestern („Jolene“), vom harten Leben in Armut („Coat Of Many Colors“), von Familientragödien und Kindersterblichkeit („To Daddy“, „Jeannie“, „The Party“), von zu frühen Schwangerschaften („Down From Dover“) und vom Überleben in der Fremde („Appalachian Memories“). Und was heute harmlos erscheint, war in den Siebzigern mit einer gehörigen Portion Mut zur Rebellion verbunden, wenn etwa ihr Song „Just Because I’m A Woman“ nicht im Radio gespielt wurde, weil er zu feministisch erschien. Und eins ist dabei klar: Dolly Parton ist ein Rolling Stone. Von Aufhören ist keine Rede. Warum nicht tot umfallen auf der Bühne? Die war schließlich immer ihr Leben.

Dolly Parton, O2 World, O2-Platz 1, Friedrichshain, So 06.07., 20 Uhr, VVK: 60–90 Euro zzgl. Gebühr, andere Kategorien bereits ausverkauft.

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