Konzerte & Party

Doofe Musik im Haus der Kulturen der Welt

Doofe Musik

Am Geschmack scheiden sich bekanntlich die Geister. Aber doof bleibt doof. Insofern dürfte es interessant sein zu sehen (und zu hören), welchen ästhetischen Mehrgewinn das Festival Doofe Musik aus dem weiten Feld der akustischen Umweltverschmutzung zieht. Die Kuratoren betonen, dass es ihnen nur am Rande darum geht, das Diktum „so schlecht, dass es schon wieder gut ist“ am lebendigen Objekt (dem Publikum) zu testen. Wobei Trash-Perlen wie das RTL-Eventmovie „Du bist nicht allein – Die Roy Black Story“ oder eine Live-Übertragung des Eurovision Song Contest mit so patenten Moderatoren wie Christiane Rösinger und Justus Köhncke natürlich nicht fehlen dürfen. Das dreitägige Programm untersucht die doofe Musik vor allem unter dem Aspekt verschiedener Eskapismus-Strategien. Musik also als praktischer Gebrauchsgegenstand (Klingelton), als akustische Tapete (Muzak), als Sehnsuchtsort (Schlager) oder als Konzeptkunst (Scooter war den Veranstaltern zu teuer, stattdessen muss der allgegenwärtige Friedrich Liechtenstein einspringen).

Die Frage, die Veranstalter, Künstler und Panelisten gleichermaßen beschäftigt, lautet: Warum tut man sich so etwas eigentlich freiwillig an? Und gibt es das überhaupt: „guilty pleasures“? Ist das nicht schon wieder nur der lächerliche Versuch eines Distinktionsgewinns? Doofheit als coole Überlegenheitsgeste sozusagen. Dabei ist unbestritten, dass die Flucht ins Banale und Unreflektierte eine nicht zu unterschätzende kathartische Wirkung besitzt. Welcher hartherzige Mensch kann sich schon dem klebrig-süßen Reiz eines ABBA-Songs entziehen? Und ist ein Adriano Celentano nicht bloß die Projektion eines kleinbürgerlichen Wunsches nach vertrauter Fremdheit? Die Thesen zur banalen Lust auf doofe Musik sind vielgestaltig und das gleichnamige Festival im Haus der Kulturen der Welt widmet sich – im Rahmen des Anthropozän-Projekts – diesem Themenkomplex mit dem gebotenen Ernst. Denn am besten ist die doofe Musik immer noch, wenn sie ohne ironischen Bruch auskommt.

Auch von dieser Sorte gibt es einige erstaunliche Fallbeispiele wie die bayrische Punk/Volksmusik-Combo Kofelgschroa oder den Polka-Techno des Kölner Produzenten Wolfgang Voigt zu bestaunen. Denn am Ende ist das Attribut „doof“ natürlich auch nur eine Frage der Perspektive.

Text: Andreas Busche

Foto: ACGO

Doofe Musik mit Friedrich Liechtenstein, Patric Catani, ?Justus Köhncke, Kofelgschroa, Wolfgang Voigt u. a.?, Haus der Kulturen der Welt, Do 8.5.–So 11.5., 20 Uhr, ?VVK: 10/8 Euro, Festivalpass: 20 Euro

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