Konzerte & Party

„Down By The River“ im Kater Holzig

Jeffrey Lewis

Nun gibt es wenigstens ein Gesicht. Eine Comic-Katze, gepinselt auf den Bretterzaun an der Michaelkirchstraße, die Vorübergehende funkelnd angrinst. Anfang Juli war das Kater Holzig, die sehnsüchtig erwartete neue Location am Spreeufer, noch Baustelle. Jetzt, kaum zwei Wochen später findet hier – nur einen schrägen Steinwurf über den Fluss von der verschwundenen Bar 25 entfernt – eine der ersten Musikveranstaltungen statt. Der Ort gilt als Nachfolger der legendären Bar 25. Klar, dass Ran Huber den Kater für sein eintägiges Down By The River Festival gewählt hat, denn die ersten beiden Ausgaben des Lo-Fi-, Trash- und Antifolk-Festes waren schließlich auch am Spreeufer in der Bar 25 beheimatet.
Wie in den vergangenen zwei Jahren stemmen der Indie-Impresario Ran Huber und seine Konzertagentur „amSTART“ das Down By The River mit den geistesverwandten Bookern von „Fourtrack On Stage“ mitten im Sommerloch, wie gehabt zum sehr kleinen Preis. Als man noch in der Bar 25 feierte, erinnerte die kleine Ansammlung von Musikern und Besuchern an ein drolliges Urlaubsdorf – mit ziemlich vielen und nicht wenigen herzigen Bands, wie die Weird-Folktruppe Coming Soon mit Mitgliedern teils noch im Teenager-Alter. Das Konzept des Festivals, das schon am frühen Nachmittag startet, bleibt abgesehen vom Ortswechsel fast so, wie es war. Nur etwas offener in der stilistischen Palette, sagt Ran Huber. Schließlich wolle man sich nicht stur dem Antifolk-Label verschreiben. „Das passt zwar schon irgendwie“, sagt Huber, aber Punk, Instrumentalmusik und Minimal-Elektronik sollen schließlich auch ihren Platz haben.
KaterHolzigDieses Jahr gehört die Bühne knapp 20 Bands und Solisten, darunter die wuselige Exil-Russin Mary Ocher und Ex-Pop-Tarts-Sängerin und Bierbeben-Gründerin Julia Wilton, die mit ihren beiden Schwestern ein neues Projekt vorstellt. Zu den schrulligen Ausläufern des Programms zählt die Italienerin Zelda Panda alias Marzipan Marzipan, die mit Spielzeuginstrumenten, Drumbeats und italienischem Accento die Einsamkeit besingt oder ihren Lovern ein „Good Bye“ hinterher säuselt. Intensiv eigenwillig ist auch der Exilschweizer Dagobert, der seine himmelweiten Sehnsuchts-Oden mit trashigen Synthie-Arpeggien und Mundart-Kolorit versieht. So etwas wie die Headliner-Position übernimmt Jeffrey Lewis (Foto), New Yorks Meister der selbstironischen Selbstbespiegelung, der unter dem Anschein des drolligen Dilettierens ebenso großartige Comics zeichnet wie im mikroschnellen Wortfluss sprechsingt.
Zu den großen Entdeckungen in diesem Jahr zählt die Newcomerin Chinawoman. Die Kanadierin betreibt in ihren lodernden Balladen eine berückende Annäherung an die eigenen Wurzeln. Als Tochter einer russischen Ballerina und eines Ingenieurs ist die Selfmade-Sängerin mit alten Schallplatten aus Sowjetzeiten aufgewachsen, mit sehnsuchtsschwangerem romantischen Stoff. Auf ihrem zweiten Album „Show Me The Face“ schlägt die Frau mit der tiefen ernsten Stimme verlangsamte Tango- und Walzertakte an oder tränkt ihre Alte-Welt-Melancholie in geisterhafte Klänge von Wave-Gitarren, Synthiechören oder Gitarren-Twang. Ein wenig erinnert Chinawomans erwachsene Weltmüdigkeit an den Landsmann Leonard Cohen, auch an das Lakonische einer Nico oder – wo wir schon mal an der Spree sind – einer Hildegard Knef.
Zum Glück ist die neue Location an der Spree, der Bar25-Ersatz, gerade noch rechtzeitig fertig geworden. Wo sonst hätte das Down By The River stattfinden sollen? Die bröselige Kulisse des Kater, samt Fabrikruinen und Mondschein am Wasser, passt perfekt zum zwischen Trash, Romantik und schrulliger Eigenwilligkeit schwankenden Line-up des Festivals.

Text: Ulrike Rechel

Down By The River, Sa 23.7., ab 14 Uhr, Kater Holzig, Michaelkirchstraße 22, Tagesticket: 16 Euro,

www.berlinsongs.com/downbytheriver  

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