Konzerte & Party

DT 64 – Das Festival im Babylon Mitte

Jugendradio DT64

tip War dieses Festival eigentlich von langer Hand geplant oder eine spontane Idee?
Marion Brasch Letzteres! Ende vergangenen Jahres wurde mir klar, dass das Jubiläum ansteht. Ich habe dann alte DT64-Kollegen bei radioeins angesprochen: Andreas Ulrich und Jörg Wagner. Hinzu kam Heiko Hilker, der Anfang der 90er einer der Köpfe der Freundeskreise zur Rettung von DT64 war. Er ist sehr firm, was Kalkulationen betrifft, und ich kümmerte mich um das Programm.

tip Wie war denn deine Wahrnehmung von DT64, als du dort selbst noch nicht Mitarbeiterin warst?
Marion Brasch Ich glaube, mein allererster Kontakt mit DT64 war Mitte der 1980er eine Tauschbörse, bei der ich meine Kasperlepuppen abgab. Davor gab es keine Wahrnehmung. Man hat kein Ost-Radio gehört. Ich gehörte auch zu denen, die natürlich die einschlägigen West-Sender gehört haben, weil da die coolen Sendungen liefen. Es gab aber bei DT64 schon auch bestimmte Sendungen, die sich lohnten, zum Beispiel „Duett – Musik für den Rekorder“. Dort wurde eine DDR-Plattenseite und die andere halbe Stunde eine West-Platte gespielt.

tip Der Fokus eures Programms liegt nun eher auf der Schlussphase des Senders …
Marion Brasch Genau. Im September 1989 solidarisierten sich die Mitarbeiter des Senders mit dem Neuen Forum. Am 8. November sprachen sie der Sendeleitung ihr Misstrauen aus. Damit war es nicht mehr der brave Jugendfunk. Es gab zwar vorher auch schon Versuche, widerständig zu sein, aber dabei handelte es sich um Aktionen Einzelner, die sich geweigert haben, bestimmte Nachrichten vorzulesen. Zum ersten Mal aber erfolgte kollektiver Widerstand. Und danach ging es mit Journalismus los. Das war anarchisch, verrückt, wir haben unsere Giftschränke aufgemacht, die ganze Musik rausgeholt, die wir jahrelang nicht spielen durften, und haben die Fenster aufgemacht und Luft reingelassen in unsere Köpfe.

DT64tip Soll das auch im Babylon geschehen?
Marion Brasch Ja, wir wollen etwas über die Atmosphäre in dem Land erzählen, und natürlich werden auch Filme zu Jugendkulturen in der DDR gezeigt, beispielsweise „Wittstock statt Woodstock“ und „Flüstern & Schreien“ und dessen Fortsetzung. Die sind hochspannend und lustig. Die Vorführungen werden von Gesprächsrunden und Konzerten begleitet.

tip Einige der porträtierten Bands spielen auf dem Festival. War da Überzeugungsarbeit nötig?
Marion Brasch Überhaupt nicht. Die haben gleich zugesagt. Sandow wurden schließlich noch vor ihren Platten durch die Sendung „Parocktikum“ von Lutz Schramm bekannt, der ebenfalls zu Gast ist. Ich habe auch Phillip Boa angefragt. Es kam prompt eine Antwort-Mail: Er wäre gerne gekommen, da eine große Verbindung zu DT64 bestehe und er dem Sender viel zu verdanken habe. Aber leider arbeite er zu dem Zeitpunkt in London an neuen Aufnahmen. Allein diese nette Absage ist mir schon eine große Freude.

tip Fühlen sich durch den Schwerpunkt auf die letzte Phase des Senders nicht frühere Mitarbeiter ausgegrenzt?
Marion Brasch Wir haben am ersten Abend den ersten Chefredakteur Siegmar Krause zu Gast. Letztlich muss man sich aber entscheiden, welche Geschichte man erzählen will – oder ob man gleich eine Konferenz abhält und jede historische Phase durchdekliniert. Das sollen dann andere machen.

tip Nach dem Aufbegehren gegen die Sendeleitung schien für ein Jahr bei DT64 alles möglich zu sein. Dann wurden die Frequenzen außerhalb Berlins 1990 unangekündigt an den RIAS übergeben…
Marion Brasch Das war so ein Machtspiel, das uns aber einen riesigen Gefallen getan hat. Daraufhin begann die Bewegung zur Rettung des Senders. Die Leute an den Radios gaben uns den Auftrieb, um unseren Sender zu kämpfen.

tip Und was war dein letzter Eindruck von DT64, bevor du dich ins neue Radioleben verabschiedet hast?
Marion Brasch Durch Talkshows gereicht zu werden. Als Moderatorin hinter dem Mikrofon plötzlich selbst in der Öffentlichkeit zu stehen, empfand ich als merkwürdig. Das Radiomachen war auch mit so viel Spaß verbunden, man guckte gar nicht mehr auf die Uhr, wann Feierabend war, wie früher, sondern saß anschließend noch zusammen an der Spree mit einer Flasche Wein und hat den nächsten Tag besprochen.

tip So wird heute vermutlich auch nicht mehr gearbeitet.
Marion Brasch Die Art, Radio zu machen, war in der Übergangszeit wild, das ist heute nicht mehr so. Aber die Zeiten allgemein haben sich ja geändert. Ich finde, dass es oft an Mut fehlt, etwas zu wagen: Heute haben wir zumeist ein gemütliches, entspanntes Radio, in dem gekocht und in dem Restaurants vorgestellt werden.

Interview: Ronald Klein, Hagen Liebing

Return To Sender: DT 64 – Das Festival mit Rainbirds + Bobo in White Wooden Houses + Sandow + Die Art, ?Babylon Mitte, Do 8.–Sa 10.5., ab 15 Uhr, ?Konzerte ab 21 Uhr, Tagesticket VVK: 19,64 Euro

Zur Person: Mario Brasch
Die Radiomoderatorin lernte zunächst  Schriftsetzerin und begann ihre Tätigkeit als Redakteurin und Moderatorin bei DT64 im Jahr 1987. Nach dem Ende der Welle war sie zunächst bei Fritz zu hören, seit dessen Gründung moderiert sie bei radioeins. 2012 erzählte Marion Brasch in dem Buch „Ab jetzt ist Ruhe“ die Geschichte ihrer Familie.

DT 64 – Chronologie
– 1964: Gründung anlässlich des Deutschlandtreffens der Jugend in Ostberlin – das erste Sendeformat in der DDR, das sich (zehn Stunden pro Woche) gezielt an ein jugendliches Publikum richtete.
– Erich Honecker kritisierte das musikalische Konzept 1965 auf dem 11. Plenum des ZK der SED und forderte „Allgemeinbildung statt Beatmusik“.
– Ab 1981 tägliches Abendprogramm – ?auf Berliner Frequenzen als Pilotprojekt, ab 1986 auch als Vollprogramm.
– Am 8.11.1989 sprachen die DT64-Mitarbeiter der SED-konformen Senderleitung ihr Misstrauen aus.
– Der Einigungsvertrag sah die Abwicklung der DDR-Sender beziehungsweise deren Überführung in öffentlich-rechtliche Einrichtungen vor.
– Am 12.12.1991 beschloss der Bundestag die Abwicklung des Senders.
– Der ORB sendete ab 1.1.1992 das Programm des neuen Jugendsenders Rockradio B, der am 1.3.1993 zu FRITZ wurde, DT64 sendete unter dem Namen MDR Sputnik vom Standort Halle aus weiter.

Foto mittig: Norbert Michalke / tip Bildarchiv

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