Konzerte & Party

Earth im Festsaal Kreuzberg

Earth

Dylan Carlson ist ein ganz schön krasser Typ. Das fängt damit an, dass er krass aussieht. Mit seinem archaischen Backenbart und seinem dichten, zurückgekämmten Haupthaar erinnert er, besonders wenn er einen dunklen Anzug trägt, an eine zwielichtige Figur aus der fiesen Spätwestern-Serie „Deadwood“.  Seine Finger und Handrücken sind mit kryptischen Zauberformeln tätowiert, die er in den Manuskripten englischer Magier aus dem 17. Jahrhundert gefunden hat, zu deren Bezugsgruppe seinerzeit offensichtlich nicht nur Heilung und Zuspruch suchende Menschen zählten, sondern auch allerlei Feen, Engel und Dämonen.  
Noch krasser als sein Erscheinungsbild ist jedoch die Musik, die Carlson macht. Seit über 20 Jahren beruht sein Gitarrenspiel auf drei Grundprinzipien: Langsamkeit, Lautstärke und Länge. Und bis heute überrascht er immer wieder damit, was sich aus diesen Prinzipien so alles an Feinheiten und Variationen herausholen lässt. In den Anfangstagen glich sein Langzeit-Projekt Earth einer tieffrequentigen Antwort auf die psychedelischen Gitarrenmantras der britischen Drogenband Spacemen 3: Auf den frühen Aufnahmen sind kaum mehr als monolithische Brummtöne zu hören, die sich beim langsamen Verhallen gegenseitig überlagern und dabei eine hypnotische Wirkung entfalten. Leider befolgte Carlson das Spacemen-3-Motto „Taking Drugs To Make Music To Take Drugs To“ mit so großem Eifer, dass er nach drei Alben nahezu unbemerkt in der Versenkung verschwand und noch heute unter den Folgen seines heftigen Konsums leidet.   
EarthZu Beginn des neuen Jahrtausends machte sich Carlson an der Seite der Schlagzeugerin Adrienne Davis daran, mit den alten Mitteln neues Terrain zu erkunden. Mit wechselnden Begleitmusikern fingen die beiden voller Behutsamkeit und Ausdauer damit an, Folk-, Country- und Blues-Elemente in den Earth-typischen Zeitlupen-Sound einzuarbeiten und dabei einen aufs Äußerste entschleunigten Groove zu entwickeln, der sich der Schnelllebigkeit des Musikmarkts und seiner Fixierung auf das Neue widersetzt und doch kein bisschen anachronistisch klingt. „Ich möchte Musik machen, die man noch nie gehört hat und die sich gleichzeitig so anfühlt, als wäre sie schon immer da gewesen“, erklärte Carlson im Gespräch mit „Wire“, dem Fachblatt für musikalische Randphänomene, das die Band auf den Titel seiner Märzausgabe nahm.
Diesen Anspruch hat Carlson mit dem aktuellen Album von Earth erneut eingelöst. „Angels of Darkness, Demons of Light?II“ ist die zweite Folge einer als Trilogie angelegten Reihe, die letztes Jahr bei einer 14-tägigen Session mit Gitarre, Cello, Bass und Schlagzeug in Carlsons Heimatstadt Seattle entstand. Während der erste Teil das musikalische Äquivalent eines undurchdringlichen Abgrunds darstellt, scheint Teil zwei eine nächtliche Fahrt durch die majestätische Wüstenlandschaften heraufzubeschwören. Die einzelnen Stücke sind aus ausgedehnten Improvisationen hervorgegangen, die nicht durch individuelle Ausbrüche geprägt sind, sondern durch Zurückhaltung und Konzentration auf das, was gerade an den anderen Instrumenten passiert. Das Ergebnis klingt erhaben und schwergewichtig zugleich, fast so, als würde man dem Kosmos beim Atmen zuhören.
Wenn man Dylan Carlson glauben mag, scheint die Musik von Earth die Sensoren für Erfahrungen zu öffnen, die sich dem menschlichen Wahrnehmungsraster für gewöhnlich entziehen. In seinem Blog berichtet er, dass er bei psychogeografischen Exkursionen durch London schon mehrfach schwer einzuordnenden spirituellen Entitäten begegnet sei. Das Summen dieser Kreaturen soll auf Feldaufnahmen zu hören sein, die Carlson nächstes Jahr im Rahmen eines sehr persönlichen Forschungsprojekts veröffentlichen will. Vielleicht könnte man sie als Engel bezeichnen.

Text: Heiko Zwirner

Fotos: Sarah Barrick

Earth + Mount Eerie + Ф Paon, Festsaal Kreuzberg, Sa 31.3., 21 Uhr, VVK: 16 Euro

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