Konzerte & Party

Echo Verleihung in der O2 World Berlin

Tim Rennertip Der Start des Echos 1992 und Ihr persönlicher Aufstieg im Musikgeschäft fallen zeitlich beinahe zusammen. Haben Sie eigentlich jemals diese größte Preisverleihungen des deutschen Musikgeschäfts verpasst?
Tim Renner Ja, im letzten Jahr, und zwar mit Freuden. Ich hatte netterweise eine Einladung von Dieter Kosslick, mir einen Berlinale-Film anzugucken. Und da ein Berlinale-Film unberechenbar ist, die Echo-Verleihung hingegen berechenbar, habe ich Ersteres vorgezogen.

tip Wie übersteht man es überhaupt, drei Stunden und mehr bei dieser Fernsehaufzeichnung auf seinem Platz zu bleiben – es soll ja niemand den Saal verlassen dürfen, der im Bild sein könnte?
Renner Das ist richtig. In einer Form umgekehrter sozialer Gerech­tigkeit wirst du beim Echo bestraft, je erfolgreicher du im Musikbusiness bist. Als ich zum Beispiel der Universal-Vorstand war, saß ich in der ersten Reihe. Irgendwelche Fluchtversuche zum Rauchen oder auf die Toilette waren somit ausgeschlossen. Seitdem ich nicht mehr bei der Universal bin, bin ich auf die hinteren Ränge verbannt, was mir erhebliche Gestaltungsfreiräume während der Veranstaltung lässt.

tip Beim Echo präsentiert sich die deutsche Musikwirtschaft. Haben Sie das Gefühl, dass dies mit Laudatoren wie Wladimir Klitschko und Bruce Darnell auf angemessene Weise passiert?
Renner Meine Hoffnung ist eigentlich, dass der Wechsel von RTL zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen einen erheblichen Wandel bringt, was die Präsentatoren angeht. Während RTL als Privatfernsehkanal natürlich ein primäres Interesse hatte, hier eine Plattform für seine eigenen Produkte in Form von Soap- und Reality-Show-Stars und Sternchen zu haben, hoffe ich, dass die ARD es hinkriegt, Präsentatoren zu holen, die wirklich mit der Musik zu tun haben. Die genannten Namen machen mich da noch nicht alle wirklich glücklich.

tip Repräsentiert der Echo wirklich, was im letzten Jahr Deutschland musikalisch bewegt hat? Werden die Richtigen prämiert?
Renner Es ist überflüssig, dass sie prämiert werden. Das, was der Echo vorgibt, nämlich die Entschei­dung an der Ladenkasse zu belohnen, dafür wurden die Künstler ja schon belohnt. Mit hoffentlich ordentlich Geld für ihren Plattenverkauf. Da die Verleihung sich an den Charts orientiert, kannst du dir auch schon vorher errechnen, wer gewonnen hat und wer nicht. Es ist der einzige relevante Musikpreis weltweit, der das so macht. Auch wenn man sich in Deutschland andere Kulturbereiche wie Kino oder Literatur anschaut, gibt es hier keinen einzigen Preis, der sich an vermeintlichen Verkäufen orientieren würde. Stets wird versucht, nicht die Zahl, sondern die Qualität zu prämieren. Und erstaunlicherweise definiert sich gerade eine Musikindustrie, die ja hierzulande fast die Hälfte ihres Umsatzes verloren hat, immer noch über die Zahl und nicht über die Qualität des Inhaltes.

 

Kate Perrytip Will man Neutralität zeigen?
Renner Ich glaube, das ist very german, nur die Deutschen kommen auf solch eine Idee, dass eine Sache unbedingt messbar und nicht subjektiv sein darf. Eine Oscar- oder Grammy-Verleihung, die von einer Jury gemacht wird, ist natürlich subjektiv, aber wenn es um Kulturgüter geht, also um emotionale Güter, dann finde ich Subjektivität auch besser als vermeintliche Objektivität.

tip Warum vermeintlich?
Renner Erstens bilden Charts nicht Verkäufe ab, sondern sie bilden gewichtete Verkäufe pro Woche ab, also lediglich eine Verkaufsgeschwindigkeit pro Tonträger. Zweitens ist jede Platte, die früher im Jahr veröffentlicht wird, auf Basis dieser Erhebung klar im Vorteil.

tip Ist es nicht auch so, dass Leute wie Die Ärzte, die sich prinzipiell erst gar nicht beim Echo blicken lassen, dann auch keine Auszeichnung bekommen, sondern der Nächstbeste, der verspricht, dabei zu sein?
Renner Das ist sicher nicht so. Die Schwäche des Echos liegt ja gerade in dieser vermeintlichen deutschen Überkorrektheit, sich unbedingt auf etwas zu beziehen, was man nachrechnen kann. Da wird bestimmt nicht geschummelt. Ich wär ja froh, wenn die Musikindus-trie beim Echo ein bisschen kreativer und mutiger wäre und wenigstens schummeln würde.

 

tip Angenommen, der Echo würde nach Grammy-Muster verliehen – wer hätte die Geschmackskompetenz, darüber zu entscheiden?

Interview: Hagen Liebing

Lesen sie mehr im Heft 05 des Tip-Berlin auf S. 68.

 

Der Echo mit U2, Depeche Mode u.a.

O2 World, Sa 21.2., 20.15 Uhr,
ausverkauft, gleichzeitig TV-Ausstrahlung in der ARD

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