Konzerte & Party

Edwyn Collins auf dem Berlin Festival

Edwyn CollinsDas beste Geschenk kam von einem Unbekannten. Während seines kurzen Berlin-Aufenthalts, um das neue Album „Losing Sleep“ (Video siehe unten) der Presse vorzustellen, musste Edwyn Collins einen 50-Meter-Weg vom Hotel zum Restaurant zu Fuß zurücklegen. Eine Strecke, die gesunde Beine in zwei Minuten gehen, ihm aber ein Vielfaches an Zeit und Kraft abverlangten. Mitten in unserer Millionenstadt erkannte ein vorbeifahrender Fahrradfahrer den Erfinder des schottischen Jingle Jangle Pops, hielt an und dankte Collins für seine Musik und seine Überlebenskraft. Einer dieser Momente. Dabei ist der alltägliche Collins ein Schatten seiner selbst. Der große Schlaks geht heute am Stock. Wo früher eine Tolle war, ist das Haar heute schütter. Wo früher ein spöttisches Grinsen markige Sarkasmen begleitete, sitzt heute ein schiefes Lächeln unter offenen, suchenden, manchmal hilflosen Augen. Hier hat das Schicksal eingeschlagen mit einem Donnerschlag.
Fünf Jahre ist es her, dass Collins mit Mitte dreißig zwei schwere Gehirnschläge erlitt. Er verlor seine Sprache, seine Koordination, sein rechter Arm erlahmte, er konnte nicht Gitarre spielen und nicht mehr lesen. „Laut Statistik überleben von 150 Leuten so etwa ganze zwei“ sagt Grace Maxwell, seine Frau seit 25 Jahren, „aber diese Sichtweise bringt dich nicht weiter. Du kannst keine Fortschritte machen, wenn Du einen Sack voller Trübsinn über der Schulter trägst. Also konzentriert er sich täglich auf das, was ihn vorwärts bringt.“ Sie könnte getrost von „wir“ sprechen, denn ohne ihre Hilfe wäre er heute ein Pflegefall. Jeder einzelne Fortschritt ist auch ihrer.
Edwyn Collins und Grace Maxwell„Falling And Laughing“ hieß 1980 die Debütsingle von Orange Juice, erschien auf dem von Collins mitbegründeten und bis dato einflussreichsten schottischen Label Postcard Records. Ohne sie kein Teenage Fanclub, keine Franz Ferdinand. Dank der Tantiemen aus seinem späteren unkaputtbaren Welthit „A Girl Like You“ konnten sie die Rechnungen für Ärzte und Rehamaßnahmen zahlen, und Edwyn fand tatsächlich seinen Weg zurück zur Musik. Ein Wunder. „I gave my life to music, now music gives back my life to me“. Bestand 2007 sein Album „Home Again“ noch aus Aufnahmen von vor dem Schlaganfall, so ist die neue Platte „Losing Sleep“ ein Manifest der Neugeburt, der Weisheit und der Lebensfreude. Es ist ein gereifter, ein essenziellerer Collins: „Ich habe direkte Fragen ans Leben, und ich möchte direkte Antworten.“ „What Is My Role“ zum Beispiel, ein anderer Song heißt „I Still Believe In You“. Der universelle Charakter dieser überwiegend energiegeladenen Up-Tempo-Songs berührt ungemein, so kann nur jemand ­schreiben, der dem Glas des Lebens auf den Boden geschaut hat. „Früher war ich ein wenig prätentiös, das kann ich mir heute nicht mehr erlauben.“ Sagt Edwyn und beschämt aufkommende Kritik an fehlender Raffinesse bereits im Ansatz. Freunde wie Roddy Frame von Aztec Camera und Ryan Jarman von The Cribs, die Collins zuvor produziert hatte, sind an seiner Seite. Mit Romeo Stodart von The Magic Numbers schrieb er „It Dawns On Me“ – eine Hommage an die Einfachheit und Wahrhaftigkeit des Lebens. Johnny Marr, The Drums und Franz Ferdinand sind dabei, und nicht zuletzt William, der 20-jährige Sohn, der sich ums Verrecken nichts sagen lässt und – ganz der Papa – mit Sicherheit seinen eigenen Weg gehen wird.

Text: Christine Heise

EDWYN COLLINS (BERLIN FESTIVAL), Flughafen Tempelhof, Sa. 11.9., 17.30 Uhr, Tagesticket: 50 Euro, Festivalticket: 70 Euro

Lesen Sie hier:
Das Berlin-Festival 2010
Tricky auf dem Berlin-Festival
Ein Interview mit Boys Noize

Mehr über Cookies erfahren