Konzerte & Party

Egotronic Record-Release im White Trash

Egotronic

Das waren Zeiten. C64 oder Atari wurden noch als Hightech angepriesen, und verwendete Soundchip-Dudelei galt als Komposition erster Güte. Wenn es nach Thorsten Burkhardt – besser bekannt als Torsun oder Nick Rave – geht, trifft diese Maxime auch heute noch zu. Einer Generation, die nur David Guetta kennt, hält er mit seiner Berliner Electropunk-Combo Egotronic seit nunmehr einer Dekade den Spiegel vor. Und da glänzt längst nicht mehr alles.
Denn wenn gehypter Synthiepop das Spiel ist, sind Egotronic der Endgegner, der jedem Poser eiskalt den Kopf abbeißt. Die Jungs waren nie das Highend-Produkt, sondern immer schon die knarzende Konsole, der wahrer Glauben innewohnt. Und während sich heute jeder rundgefeilten Electro als fancy Button an die Brust heftet, um seiner Modernität und Kreativität Ausdruck zu verleihen, werden Egotronic ewig der erhobene Mittelfinger und ungeschminkt hässliche Bruder dieser Retroszene bleiben. Denn Popkultur ist und war nie ein aus den gesellschaftlichen Verhältnissen herausgelöster Bereich. Ein Satz, den das polarisierende Powertrio lebt und der heutigen iPod-Generation grinsend auf die Stirn pappt.
Beim Hamburger Label Audiolith ungefiltert in den Äther geschrien, geht es mit Album Nummer fünf – „Macht keinen Lärm“ – auf zum gelungenen Spagat zwischen sägendem Lo-Fi-MIDI-Sound, verzerrten Gitarren, abgespeckt bratzenden Beats und einer Attitüde, die neben Exzess und freudvoller Selbstzerstörung dennoch kritisch die Konsumgesellschaft anklagt. Das ist widersprüchlich, kaum massentauglich und neigt – durchaus erwünscht – zum Spalten. „Ich bleibe oft lange auf, trinke viel und schäme mich für uns alle!“ ist Torsuns Credo und Quell seiner Sozialanalyse. Dabei ist er weder Misanthrop noch Pessimist, eher der selbstkritische Mahner, der eine ganze Generation lehren will, dass Lustprinzip nichts mit Egoismus, wohl aber mit sozialem Bewusstsein zu tun haben sollte. Passend zur vertonten Lehrveranstaltung Ende des Monats gibt es diesen Herbst auch Torsuns erstes Buch „Raven wegen Deutschland“, das er gemeinsam mit Daniel Kulla geschrieben hat und das als Quintessenz die Bandgeschichte vom Jugendclub bis zur Festivalbühne zeichnet.

Text: Maik Werther

Egotronic Record-Release-Konzert, White Trash (Diamond Lounge), Sa 29.10., 20 Uhr, VVK: 6 Euro

T. Burkhardt/Daniel Kulla: „Raven wegen Deutschland“, Ventil Verlag Mainz, 280 Seiten, 12,90 Ђ

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