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Neue Musik

„Ein bisschen Tonalität der Seele muss sein“ – Gespräch mit dem Bariton Georg Nigl

Bariton Georg Nigl über Wolfgang Rihms Oper Lenz, die Last der Neuen Musik und seine Herkunft von den Wiener Sängerknaben

Foto: Anita Schmid

tip Herr Nigl, Georg Büchner kam nicht auf den Gedanken, aus seiner Erzählung „Lenz“ ein Drama zu machen. Hätte er ­sollen?
Georg Nigl Nein, auch ich sehe „Lenz“ eher als Fallstudie. Büchner war Mediziner und hat sich stark mit der Psychiatrie auseinandergesetzt. Lenz macht Fehler und hält den Leuten einen Spiegel vor. Er ist unfähig zu lügen – und dadurch in der Lage, die Wahrheit auf einer anderen Ebene zu überprüfen. Damit kann er etwas, zu dem wir heute kaum fähig sind. Jeder weiß, dass der amerikanische Präsident Nonsense redet. Wir sehen weg.

tip Was würde Lenz tun?
Georg Nigl Er würde immerhin im Quadrat springen. Interessant ist, dass Büchner ausgerechnet diesen Menschen ausgesucht hat, einen von Goethe Verschmähten und literarisch Ausgestoßenen. „Ich habe mich immer nur für die Nonkonformisten interessiert“, hat Pasolini gesagt. Geht mir genau so.

tip Sie sind einer der profiliertesten Sänger der Neuen Musik – die als undankbar gilt. Warum machen Sie das?
Georg Nigl Ich empfinde sie nicht als undankbar. Trotzdem musste ich beim dritten Mal, als ich diese Partie lernte, wieder von vorne anfangen. Man kann das nicht in die Birne kriegen! Müsste ich fünf Produktionen wie „Lenz“ machen pro Jahr, würde ich depressiv. Ein bisschen Tonalität der Seele muss sein.

tip Bei Rihms „Dionysos“ vor fünf Jahren sangen Sie trotz Unwohlsein – und lachten laut hinter der Bühne, als Jürgen Flimm den Dank des Publikums kommentierte: „So viel Applaus kriegt er sonst nie!“ Verzweifeltes Lachen?
Georg Nigl Ja, und ein sardonisches, weil ich den schwarzen Humor von Jürgen Flimm schon kenne. Allerdings war es auch ein Lachen der Erleichterung, weil ich erkannte, dass Neue Musik in den etablierten Theatern angekommen ist. Außerdem dachte ich: Na, Jürgen, stell du dich mal hier hin! Dann wirst du keinen Witz mehr machen.

tip Ursprünglich kommen Sie von den Wiener Sängerknaben. Hartes Schicksal?
Georg Nigl Gerade vorgestern hat mich meine Freundin gefragt, ob ich meinen Sohn zu den Wiener Sängerknaben schicken würde, und ich habe geantwortet: „Niemals! Außer wenn er es selber will.“ Ich wollte dorthin! Es waren sieben sehr schöne Jahre, auch wenn nicht alles schön war. Man kriegt nicht die Aufmerksamkeit, die man in einer guten Familie findet. Mit Stofftier allein im Bett ist nicht lustig. Sogar mein Vater war dagegen. Manchmal denke ich, ich bin Sänger geworden aus Opposition gegenüber seinen Ideen.

tip Rihms „Lenz“ haben Sie außer mit Andrea Breth auch schon mit Frank Castorf erarbeitet. Ist der Unterschied so groß, wie man denkt?
Georg Nigl Ja. Andrea ist viel genauer, auch in der Vorgabe. Bei Frank ist es freier. Er hatte spürbar Angst, dass man als Sänger zerbrechen könnte. Was ich boshaft ausgenützt habe, indem ich immer drei Varianten angeboten habe, von denen er die erste wegschmeißen konnte. Hat gut geklappt. Castorf hat anfangs einen riesigen germanistischen Vortrag gehalten, das war auch eine Machtdemonstration. Als Andrea Breth die Wiener Produktion sah, meinte sie: „Das Stück will ich machen!“ Es hat Jahre gedauert, bis wir es durchkriegten. Ich hab gewusst: Das wird was.

Staatsoper Berlin Bismarckstr. 110, Charlottenburg, Mi 5.7., Sa 8.7., Mo 10.7., Mi 12.7., Fr 14.7., 19.30 Uhr (außer Mi 5.7. 19 Uhr), Karten 15 – 88 €

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