Konzerte & Party

Ein Interview mit Aino Laberenz

Christoph Schlingensief in Afrika

tip Was hat Afrika für Schlingensief bedeutet?
Aino Laberenz Es
hat für ihn schon in den 90ern vielfältige Bedeutungen gehabt. Von „United Trash“ über die „Deutschlandsuche“ in Namibia, wo er die Robben mit Wagner beschallt hat, und den Bayreuther „Parsifal“ bis hin zu „Via Intolleranza“, um nur ein paar Stationen zu nennen. Die Wiege der Menschheit und der Weltreligionen, der Gral – der Kral, das waren alles Spuren, die nach Afrika führten. Natürlich war Christoph weder Ethnologe noch Entwicklungshelfer, sondern Künstler. Aber als solcher hat er hellwach seine Umgebung wahrgenommen. Er meinte die Leute, mit denen er zu tun hatte, er schaute ihnen in die Augen und hörte ihnen zu – was bei Politikern oder Entwicklungshelfern eher selten der Fall ist. Mit der Krankheit entstand dann der Wunsch, mehr als ein Archiv zu hinterlassen und auch anderen eine Chance zu geben. Die Zukunft sollte ein Eigenleben bekommen.

tip Was können wir denn von Afrika lernen?
Aino Laberenz Ein erster Schritt wäre schon mal, unsere Perspektive der kulturellen Überlegenheit infrage zu stellen. Wir denken hier immer, die Kolonialzeit wäre
bearbeitet und passй. Dabei spricht das Wort „Entwicklungshilfe“ schon für sich, aber auch das, was uns zu afrikanischer Kunst einfällt – nämlich traditionelle Kunst –, zeigt unsere Ahnungslosigkeit und Arroganz.

Festival au Dйserttip Sie sind selber Kostümbildnerin. Jetzt managen Sie nicht nur das Operndorf, sondern haben auch die große
Schlingensief-Retrospektive in den Kunstwerken (und demnächst am New Yorker Museum of Modern Art) mitkuratiert. Überdies sind Sie Schlingensiefs Nachlassverwalterin. Kommen Sie noch zu Ihren eigenen Projekten?
Aino Laberenz Demnächst arbeite ich wieder mit Armin Petras am Theater
in Stuttgart. Aber schon in den letzten sieben Jahren mit Christoph ließen sich seine und meine Projekte gar nicht so leicht trennen. Ich habe für seine Inszenierungen die Kostüme entworfen und fotografiert. Wir haben ja außerhalb der Probenräume nicht aufgehört, miteinander zu reden oder rumzuspinnen. Damals lag die Verantwortung eindeutig bei Christoph; jetzt ist sie auf mich übergegangen, und ein Teil dieser Arbeit, wie etwa das Operndorf, ist deshalb auch von mir geprägt. Trotzdem käme es mir nie in den Sinn, für Christoph zu sprechen oder gar seine Arbeit weiterzudenken. Ich kann nur versuchen, seine Werke so oft und gleichberechtigt wie möglich zu zeigen, aufzupassen, dass sich keine vermeintlichen „Experten“ über sein Werk profilieren und dass die Auflagen, die er selber getroffen hat, eingehalten werden.

tip Das klingt sehr zurückhaltend.
Aino Laberenz Mag sein. Aber vor drei, vier Jahren, mit Christoph, hätte ich nie hier gesessen. Durch das extreme Vertrauen, das er mir für die Zeit nach seinem Tod entgegenbrachte, hat er mein Selbstbewusstsein enorm gestärkt. Hinzu kommen die sieben intensiven und reichen Jahre gemeinsamen Lebens und Arbeitens, in denen ich unglaublich viel gelernt habe. Zum Beispiel, dass es nicht so schwer ist, öffentlich zu reden, wenn man wirklich etwas zu sagen hat. Manchmal ist es auch sehr komisch zu sehen, wie unser gemeinsamer Alltag rückblickend seine Bedeutung verändert. Als ich zum ersten Mal in der Akademie der Künste durch seinen Nachlass ging, entdeckte ich einen Socken von mir, der garantiert nur zufällig da reingerutscht war, denn Christoph war auch ein Chaot. Aber mitnehmen durfte ich ihn trotzdem nicht.

Interview: Eva Behrendt

Foto oben: Aino Laberenz

Zusatzinfos:

Das „Festival au Dйseert“ holt Afrika in die Volksbühne
Bevor der Norden Malis von Islamisten und Tuareg-Rebellen eingenommen wurde und die wieder ausgerufene Scharia einen Großteil der dort ansässigen Musiker ins Exil beförderte, waren Amanar so etwas wie die Stamm-Band ihrer Heimatstadt Kidal. Ihre avantgardistische Interpretation des Desert Blues ist geprägt von ungebändigten Rhythmen, jaulenden Gitarren-Soli und extremer Tanzbarkeit. Zuletzt integrierte die Band Keyboard, Bläser und Schlagzeug in ihren Sound; auch gerappt wird ab und an. In seinen feinsinnigen Texten fordert Frontmann Ahmed Ag Kaedi die Tuareg zur Versöhnung auf und tritt für ein vereintes, multi-ethnisches Mali ein. Khaпra Arby, eine der erfolgreichsten Künstlerinnen des Landes, ist die Verkörperung genau dieses Wunsches. Nur eben auf Klang-Ebene.
Ihr Funk-, Psychedelic-, Reggae- und Desert-Blues-Gemisch setzt sich aus den musikalischen Traditionen diverser Mali-Regionen zusammen; die Lyrics werden in verschiedenen Sprachen gesungen. Wie der Tuareg-Gitarren-Sound klingt, wenn er durch westliche, noch genauer durch deutsche Künstler bearbeitet und weitergesponnen wird, illustrieren Kante. Die hiesigen Theaterbesuchern gut bekannte Band hat sich bei ihren neuesten Aufnahmen intensiv von afrikanischen Rhythmen und Harmonien inspirieren lassen. Bei der Halbnigerianerin Nneka spielt ihre Heimat vor allem textlich eine große Rolle. Ihre persönliche Sicht auf Afrika bettet sie in eine individuelle Fusion aus Soul, HipHop und Reggae ein.

Text: Henrike Möller

Festival au Dйsert mit Orchestre Amandar de Kidal, Khaira Arby, Nneka, Kante, ?Volksbühne, Fr 10.1., 20 Uhr, VVK: 18/14 Euro zzgl. Gebühr

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