Konzerte & Party

Ein Interview mit Aino Laberenz

tip Frau Laberenz, Anfang Januar präsentiert das Operndorf an der Volksbühne das westafrikanische Festival au Dйsert. Andererseits haben Sie gerade publik gemacht, dass das Operndorf dringend Geld benötigt. Kulturexport auf der einen, Spendenaufrufe auf der anderen Seite – wie steht es um Christoph Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso?

Aino Laberenz Tatsächlich ist es uns in den letzten drei Jahren gelungen, Stück für Stück Christophs Vision in die Realität umzusetzen. Wir haben nicht nur baulich, sondern auch funktional eine Struktur geschaffen, die es ermöglicht, dass 150 Kinder in der Schule regelmäßig unterrichtet werden. Dabei ist Kunst in verschiedenen Aspekten in den Unterricht integriert. Sei es durch Schulung der Lehrkräfte, sei es durch den konkreten Unterricht in Theater, Tanz und Musik, durch den die Kinder nebenher spielerisch Französisch lernen, die Amtssprache des Landes. Ich habe kurz nach Christophs Tod 2010 ein Gremium mit Künstlern aus Burkina Faso gegründet, die im Operndorf Workshops anbieten, darunter Leute wie der Filmemacher Gaston Kaborй. Und wir verfolgen den Gedanken des Austausches. Die Fotostudentin Marie Köhler hat mit den Kindern ein Fotoprojekt gemacht und ein Buch herausgegeben. Bei der letzten art berlin contemporary haben die Künstler Andy Hope, Anri Sala und ich uns gemeinsam mit dem Operndorf in Arbeiten auseinandergesetzt. Es sind nicht nur die Kinder, die vom europäischen Know-how profitieren. Genauso können wir von Afrika lernen, wie Christoph immer gesagt hat, und unseren Horizont erweitern, etwa durch die Bildsprache der Kinder.

tip Sind die Bauarbeiten im Dorf beendet?
Aino Laberenz Nein, aber es wächst. Als Nächstes eröffnet die Krankenstation, für die wir den burkinischen Staat als Träger gewonnen haben. Mir ist wichtig, das Operndorf nicht nur als ein Sozialprojekt zu sehen, sondern als eines von Christophs Kunstwerken, in dem viele Fäden aus früheren Arbeiten zusammenlaufen. Was dem Operndorf oft unterstellt wird – dass es den Afrikanern Entwicklungshilfe von oben verordnet –, hat Christoph zwar aufgegriffen, aber nur, um es in seine Einzelteile zu zerlegen. Anscheinend ist aber für viele Leute hier immer noch nicht vorstellbar, dass das Operndorf auf gegenseitigem Austausch fußt und Kunst diesen Austausch am ehesten ermöglicht. Das habe ich auch bei der Einladung des Festivals au Dйsert nach Berlin gemerkt: Ohne die Teilnahme eines weißen Stars wollte niemand so recht daran glauben.

Festival au Dйserttip Das Festival au Dйsert findet üblicherweise im Nachbarland Mali statt. Weshalb kommt es jetzt nach Berlin?
Aino Laberenz Es ist eins der wichtigsten Musikfestivals in Westafrika, bei dem vorwiegend Leute miteinander musizieren, die sich sonst beschießen würden. Leider kann das Festival wegen der angespannten politischen Lage dieses Jahr dort nicht stattfinden; umso stolzer bin ich, dass wir es im Januar in Berlin zeigen können. Solche Gastspiele anzuschieben, gehört auch zu den Aufgaben des Operndorfs. Glücklicherweise helfen das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und das Auswärtige Amt bei der Finanzierung der Veranstaltung. Und das, obwohl es Christoph nicht immer einfach hatte, seine Projekte zu finanzieren. Bis zum Schluss war Christoph weder im Theater noch in der Oper so angekommen, dass er genügend Aufträge erhielt. Die Volksbühne, das Wiener Burgtheater – mehr kontinuierliche Auftraggeber hatte er nicht.

tip Das Operndorf kann sich nicht selbst tragen. Wird sich das irgendwann ändern?
Aino Laberenz Das Operndorf ist ein Großprojekt, das Zeit braucht. Burkina Faso ist ein sehr armes Land, das sich eine öffentliche Kunstförderung nicht leisten kann – auch wenn es das gerne würde. Solange das so ist, sind wir auf Spenden angewiesen.

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