Konzerte & Party

Ein Interview mit Beach House

Beach House

tip Lasst uns über Missverständnisse reden. Viele labeln eure Musik mit dem Etikett „Dream Pop“. Dann kontert ihr gerne: „Wir sind eine laute Band!“
Victoria Legrand
Wenn man uns live hört, versteht man es, denke ich: Da wird die Musik physisch greifbar. Natürlich auch kein Rock’n’Roll oder kein Techno. Aber trotzdem eine Energie.
Alex Scally
Wenn jemand sagt: „Aha, ihr macht also diese softe Musik, wie wollt ihr das nur auf die Bühne heben?“ Dann schreien wir: „Nein, wir spielen laut!“ Und wenn die Leute dann sagen „Hey, ihr fahrt ja ganz schön viele Drums auf“, dann entgegen wir: „Wir sind doch ganz schön still.“ Für uns fühlt sich vieles kompliziert an, deshalb wollen wir auch nicht den Eindruck von Einfachheit entstehen lassen. Nichts ist simpel.

tip Es gab ja mal die Ansage: „Die nächste Platte wird zur Einfachheit zurückkehren.“ Dann habt ihr das zurückgenommen.
Alex Scally Wir haben diese Scheiße sogar selbst geschrieben.
Victoria Legrand
Wir haben einen echt schlechten Job gemacht.
Alex Scally
Einfach dumm. „Rückkehr zur Einfachheit“ war echt die falsche Phrase. Besser hätten wir mal gesagt: „Wir haben uns alle Mühe gegeben, natürlich zu sein.“

tip Ziemlich leicht lässt sich sagen: weniger Drums als bei den beiden Vorgängern.
Victoria Legrand
Ja. „Teen Dream“ hatte schon sehr viel Schlagzeug.
Alex Scally
Weniger Strophe-Refrain-Schemata.
Victoria Legrand
Das hat mit der „Bloom“-Platte begonnen: Der Song „On the Sea“ war wir ein Trip. Einer unserer Lieblingssongs. Auf der Bühne waren wir dabei immer nur zu zweit.
Alex Scally
Als der Nebel von „Bloom“ ein bisschen verzog, merkten wir, dass unser Lieblingssong keine Drums hatte und auf einer sich ständig wiederholenden Akkord-Folge beruhte.
Victoria Legrand
Aber, ich meine, klar haben wir noch Drums auf der Platte. Aber eben mehr auf die Art, wie wir es bei „Devotion“ machten. Artistischer.
Alex Scally
Weniger als Schlagzeug. (beatboxt, lacht)

tip Wie sieht das eigentlich aus, wenn ihr experimentiert? Ihr seid zusammen im Raum und spielt drauf los?
Victoria Legrand Hm, ja, genauso sieht es aus. Krass, woher wusstest du das bloß? (beide lachen) Wir verlieren dann unser Zeitgefühl. Wenn wir im Schreibprozess sind, spielen wir oft zweimal am Tag. Eine heißblütige Affäre.

tip Ihr seid musikalische Seelenverwandte.
Victoria Legrand
Wenn du es sagst. Ich glaube auch daran.
Alex Scally
Ein Glück, ein Unglück.

Beach Housetip Wie kommen euch diese Bilder in den Kopf? „The first thing that I do before I get into your house / I’m gonna tear off all the petals from the rose that’s in your mouth“. Träumt ihr so was?
Victoria Legrand
Ehrlich gesagt ist das psychedelisch. Manchmal kommen Klang und Wort gleichzeitig. Als diese Zeilen, die du ansprichst, kamen, empfand ich das wahrlich als Geschenk. Eines, um das ich nicht gebeten hatte. Dieser Rhythmus, diese Bilder. So was habe ich in einem Beach House Song niemals zuvor gemacht. Rap ist das zwar noch nicht, aber ein bisschen Freestyle. Luft wird Vision wird Wort wird Luft.
Überwältigend! Diese Worte kamen alle zugleich. Crazy!
Alex Scally
Ich erinnere mich noch daran, als die Zeile entstand. Das war, während du gerade liefst. Ich hatte vorher schon ein paar Musikfetzen geschrieben, die ich spannend fand – als du nicht in der Stadt warst. Dann hab ich dir das per Computer geschickt.
Victoria Legrand
Und als ich zurückkam, kamen plötzlich auch diese Worte.

tip Ihr schreibt alle eure Songs in Baltimore, obwohl ihr die Alben auch in New York, Texas oder Louisiana aufnehmt.
Alex Scally
Dort leben wir einfach. Wir haben einen riesigen Probenraum. Unsere Kunstkathedrale. Ein friedlicher Ort.
Victoria Legrand
Holzboden.
Alex Scally
Eine alte Fabrikhalle.
Eine Krawattenfabrik. Den Tag über sind auch andere Leute im Gebäude, aber nachts ist das unser Königreich.

tip Ihr arbeitet also lieber nachts?
Alex Scally
Manchmal auch tagsüber, aber nachts können wir richtig aufdrehen, was toll ist. Tagsüber passiert eher die Kopfarbeit, nachts das Emotionale.

tip Gibt es auch bestimmte Musik, die ihr zwar privat zusammen spielt, die ihr aber nicht unter dem Band-Namen „Beach House“ rausbringen würdet?
Alex Scally
Wir klingen nicht absichtlich nach Beach House. Wir machen nicht so was (beatboxt einen Hip-Hop-Beat) und sagen dann: Hm, das klingt nicht richtig nach Beach House. (lacht)
Victoria Legrand
Wir klingen einfach wie wir klingen, wenn wir zusammen Musik machen. Und wenn wir das oft genug machen, haben wir plötzlich ein Album und schreien „Yeah“. Es dauert aber eigentlich doch eine Weile. Ich habe da letzte Nacht drüber nachgedacht. Manchmal vergessen die Leute, dass Musik, genau wie alles andere, was man so macht, Zeit braucht. Viele viele Stunden und Sekunden. Wie wenn man ein Haus an einer Felswand baut. Für uns fühlt sich die Musik sehr natürlich an, aber eigentlich ist sie doch eine Konstruktion. Darüber sollte man öfter nachdenken in dieser verdammten Zeit, in der man Sachen per Mausklick kriegt.
Alex Scally Wenn du das so mit dem Haus sagst: Die Zeit, die wir für unsere Musik aufwenden, wäre schon jetzt lang genug gewesen, um stattdessen ein richtiges Haus zu bauen.

tip Wie könnt ihr euch auf diesen Prozess konzentrieren und derweil den kommerziellen Kontext ausblenden, der ja existiert bei einer Band mit einer halben Million Fans.
Alex Scally
Man muss zum Beispiel damit klarkommen, dass die Musik auf Youtube gespielt wird und davor Werbevideos laufen. „Bands“ gelten als „brands“, als Marken. All das versuchen wir aber auszublenden, wenn wir kreativ sind. Wir sprechen dann nicht mit dem Label oder twittern. Wir denken dann nicht drüber nach, wie groß die Locations sind, in denen wir spielen werden, oder auf welche Festivals wir gehen. All diese Scheiße, die mit Geld und mit Verkaufen zu tun hat, kann einen negativ beeinflussen.
Victoria Legrand
Man muss sich auch abschotten, um sein künstlerisches Selbst zu schützen. Natürlich müssen auch wir planen, wann ein Album erscheint, und so was. Aber sobald das geregelt ist, machen wir die Tür zu und gehen. Wir brauchen den Raum, um wir selbst zu sein.

tip Wie geht es euch, wenn fremde Leute eure Songs remixen? Wie fändet ihr das, wenn der von euch verehrte David Lynch sowas mit einem eurer Songs machen würde?
Victoria Legrand
Wir mochten noch nie einen Remix.
Alex Scully
Remixe sind einfach dumm. (lacht) Es gibt vielleicht zehn Remixe in der Musikgeschichte, die gut waren. Das ist bloß ein Marketing-Tool.

tip Immerhin kann man dann drauf tanzen.
Alex Scally
Wir gehen nicht wirklich tanzen. (lacht)
Victoria Legrand
Ich glaube einfach, das macht bei unserer Musik keinen Sinn. Das würde mir wirklich Kopfzerbrechen bereiten, mir einen Beach-House-Remix vorzustellen. Wie soll so was funktionieren?
Alex Scally
Remixe machen glaub ich keinen Sinn bei Songs, die überhaupt nicht tanzbar sind.
Victoria Legrand
Jetzt mag ich aber doch noch was zu Filmen sagen, wenn du schon David Lynch ansprichst. Filme sind wirklich ein wichtiger Teil meines Lebens. Manchmal sehe ich sie, träume davon und am nächsten Morgen klingt etwas in meinem Kopf.

tip Gibt es also einen Beach-House-Song, der direkt durch einen Film inspiriert wurde?
Victoria Legrand
Alle Filme, die ich jemals gesehen habe, sind jetzt drin in unserer Musik.

Interview: Stefan Hochgesand

Foto oben: Shawn Brackbill

Foto unten: Liz Flyntz

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