Konzerte & Party

Ein Interview mit Campino von den Toten Hosen

Campino

tip Ihre Konzerte am 29. und 30. Dezember sind bereits ausverkauft, im August 2013 sind Sie aber wieder in Berlin. Dann teilen Sie sich ein Wochenende mit den Ärzten auf dem Flughafen Tempelhof. Wie kam es dazu?
Campino Die Absicht für eine gemeinsame Aktion gab es schon länger. Nun ist die Idee aufgekommen, dass man in Tempelhof ein größeres Konzert starten könnte. Das war nicht so einfach, weil man doch viele Behördengänge machen muss. Berlin hat uns dann aber drei Abende zur Verfügung gestellt. Wir werden das Ganze am 9. August, also am Freitag, eröffnen und an den nächsten beiden Tagen spielen dann die Ärzte.

tip Auf Ihrem Bonus-Album „Die Geister, die wir riefen“ haben Sie „Schrei nach Liebe“ von den Ärzten gecovert. Ist mit einem Gastauftritt an den Folgetagen zu rechnen?
Campino Wir werden sicher nicht am Freitag nach Hause fahren, sondern am nächsten Tag zu Besuch sein. Aber alles Weitere ist offen. Es herrscht gerade eine sehr gute Stimmung zwischen uns und wir freuen uns alle auf das Wochenende. Ich halte auch das Gelände für toll und habe schon viel Gutes über die Musikfestivals dort gehört.

tip … wenngleich die in deutlich kleinerem Rahmen stattfinden.
Campino Genau deshalb ist es etwas Neues. Ich finde auch interessant, dass man fast in der Innenstadt spielt und die Leute nicht so weit fahren müssen. Noch dazu ist es in Berlin besonders wichtig, dass man den Sommer für einen schönen Open-Air-Abend nutzt, weil die Hallensituation da – milde gesagt – problematisch ist.

tip Die Max-Schmeling-Halle, in der Sie jetzt mit den Broilers spielen, hat sich für Konzerte bewährt.
Campino Gut, aber es gibt Städte, die haben das Glück, noch eine richtig schöne, alte Halle zu besitzen. Berlin hatte das auch: Die Deutschlandhalle war toll, die hatte eine korrekte Akustik, eine ganz eigene Atmosphäre … Ich war noch nie in der Max-Schmeling-Halle, deshalb kann ich nicht beurteilen, ob die da rankommt. Ich habe nur gehört, dass es dort wohl ziemlich kocht und meist gute Stimmung ist.

Die Toten Hosentip Ihr Konzertjahr 2012 begann im März mit den sogenannten Wohnzimmerkonzerten, bei denen Sie in den Wohnungen der Fans spielten. Sind die in erster Linie ein Geschenk an Ihre Anhänger oder in Zeiten ausverkaufter großer Hallen schlicht ein Weg für Sie, den Fanmassen wieder ein Gesicht zu geben?
Campino Das ist ein Nebeneffekt. Aber auf keinen Fall ist das nur eine Serviceleistung von uns oder ein Gefallen. Es ist eine gegenseitige Win-win-Situation. Das Konzert in Gießen zum Beispiel, wo wir bei einer super Punkclique waren, war für uns wie eine Reise mit der Zeitmaschine. Nachdem wir da gespielt hatten, haben die eine Anlage aufgebaut, Vinylplatten von den Dead Kennedys und den Undertones aufgelegt und eine Wahnsinnsfete veranstaltet. Das war auf Augenhöhe. Da entstehen Freundschaften, die dann auch bleiben.

tip Sie hatten über ein Jahr lang den Dokumentarfilmer Eric Friedler mit an Bord, der den Film „Nichts als die Wahrheit“ über Sie gedreht hat. Für Fans ist eine Doku mit Blick hinter die Kulissen immer wertvoll. Welchen Nutzen hat sie für die Band?
Campino Eric Friedler hat schon unglaublich gute, hochdekorierte Dokumentationen gedreht. Dieser Mann ist getrieben davon, Dinge aufzu­decken. Wir haben ihm zugetraut, dass er den Mantel um uns herum aufbricht und die ganzen Dinge mal in einer völlig eigenen Sicht darstellt. Dass er kein Fan ist, hat die Sache für uns besonders reizvoll gemacht. Er hat unvoreingenommen versucht, ein Bild von der Band einzufangen, das es so bisher noch nicht gegeben hat.

tip Gibt es Dinge im Film, die Sie dort lieber nicht gesehen hätten?
Campino Es gibt einige Stellen, die mir nicht unbedingt angenehm sind. Aber bei einer Dokumentation mit Wert kann es nicht um Hofbericht­erstattung gehen. Natürlich möchte ich mich und die Jungs im besten Licht dastehen haben. Das ist hier nicht der Fall. Dennoch muss ich sagen, dass Eric immer fair war und nie versucht hat, uns hinterrücks schlecht darzustellen.

tip Sie haben mal gesagt „Wir sind in der 75. Spielminute und führen 3?:?1“. Womit kann man Sie überhaupt noch überraschen?
Campino Es ist der Wahnsinn am Leben, dass du eben doch bis zum letzten Tag immer wieder überrascht werden kannst. Ich will mich jetzt nicht zu pessimistisch anhören, aber ein Beispiel geben: Der Regisseur von unseren letzten Videos, Paul Shyvers, der auch im September in Buenos Aires noch da war, um die Live-DVD „Noches Como Estas“ zu machen, ist vor Kurzem gestorben. Dann, wenige Tage später, noch ein sehr guter Freund von uns. Das sind so Sachen – in dem Moment merkst du, dass die eingebildete Festigkeit überhaupt nicht existiert. Man kann Pläne schmieden, aber man muss auch akzeptieren, wenn es anders kommt. Aber auch an guten Dingen scheint es noch einiges zu geben, was auf uns wartet: Wir haben fürs nächste Jahr ein, zwei Projekte vor, die in der Form noch nicht da gewesen sind und auf die wir uns freuen können.

Die Toten Hosentip Können Sie mehr darüber verraten?
Campino Es geht einmal um eine geplante Tour in ein Land, in dem wir noch nie waren. Eins in Asien. Das andere ist eine musikalische Zusammenarbeit mit einem Orchester. Das wird aber nicht einfach unsere Lieder spielen, sondern es gibt ein Projekt, das einen klaren Grund hat. Das ist schon fest versprochen und wird in vielen Beziehungen aufregend.

tip Ihre Band engagiert sich für Pro Asyl. Ist es frustrierend, wenn man politische Songs wie „Europa“ auf der Platte hat, aber kein Hahn danach kräht, weil alle beim sorglosen „Tage wie diese“ mitsingen?
Campino Überhaupt nicht. „Tage wie diese“ ist einfach ein sehr warmes Lied, das bei vielen Leuten in bestimmten Momenten den Auslöser gibt zu denken: „Ja genau! So ist es jetzt gerade. So soll es sein!“ Dafür bin ich wahnsinnig dankbar. Solche Lieder sind dann auch der Grund, warum Leute zu unseren Konzerten kommen, die vorher noch nie bei uns waren. Und die bekommen dann dort wiederum „Europa“ oder auch „Moorsoldaten“ um die Ohren geknallt. Wir versuchen immer, eine gewisse Bandbreite herzustellen.

tip Im Oktober tauchten Videos bei YouTube auf, in denen man Sie „Tage wie diese“ in einem Wiesn-Festzelt singen sieht.
Campino Nach fünf Maß! Das ist ganz wichtig! Ich weiß nicht, ob das alle Berliner wissen: Eine Maß ist ein Liter. Und Wiesn-Bier ist Starkbier! Ich wurde da von Freunden, die ebenfalls alle völlig dicht waren, auf die Bühne geschoben, wo ich mich dann zum Affen gemacht habe. Und das wäre auch in Ordnung, wenn man nicht am nächsten Tag mit einem Lebkuchenherz um den Hals aufwachen würde, auf dem draufsteht „Mia san mia“. Viele Leute hatten das gefilmt und in der Zwischenzeit ins Netz gestellt. Dann ist man nüchtern, schaut sich das an und denkt sich: „Was für ein Schwachsinn!“ Andererseits sage ich mir: Ich bin nicht Prinz Harry. Und wenn nicht mal ich mich besaufen und Mist bauen darf, wer dann?

tip Haben Fans den Auftritt kritisiert?
Campino Das wurde gespalten aufgenommen. Manche lachen drüber, andere sagen, das sei jetzt auf einer Stufe mit Roberto Blanco. Die Frage, ob das noch Punkrock ist, kann man unterschiedlich beantworten. Man könnte sicher mit Vehemenz behaupten, dass so etwas der einzige Punkrock ist, den es überhaupt noch gibt. Ich lasse das offen. Ich habs getan, es soll nicht wieder vorkommen.

Die Toten Hosen + Broilers, Max-Schmeling-Halle, Sa 29. + So 30.12., 20 Uhr, ausverkauft

Die Toten Hosen, Flughafen Tempelhof, Fr 9.8.2013, 18 Uhr, VVK: 39 Euro zzgl. Gebühr

Die Ärzte, Flughafen Tempelhof, Sa 10. + So 11.8.2013, 18 Uhr, VVK: 39 Euro zzgl. Gebühr

Foto Campino: Matias Corral

Fotos Die Toten Hosen: Carla Meurer

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