Konzerte & Party

Ein Interview mit Christof Ellinghaus

Christof Ellinghaus_c_Oellermanntip Wir gratulieren, Herr Ellinghaus, Ihre Plattenfirma hat sich als feste Größe und Aushängeschild Berlins etabliert…
Christof Ellinghaus?Berlin hat dabei eigentlich gar keine Rolle gespielt und war musikalisch für mich auch nicht unbedingt interessant. Ich hatte ja nie einen lokalen Bezug. In all den Jahren gab es gerade eine Berliner Band, To Rococo Rot, auf meinem Label.

tip War das eine bewusste Entscheidung oder ließ sich nichts Gutes finden?
Ellinghaus Mitte der Achtziger, als ich von Westfalen nach Berlin kam, habe ich fast ausschließlich amerikanische Bands gehört. Fast nichts aus England, gar nichts aus Deutschland. Das ist eben meine musikalische Sozialisation – mit den Ärzten konnte ich nichts anfangen.

tip Gerade deren Einfluss war doch aber beträchtlich. Die Wiederveröffentlichung der ersten Ärzte-Aufnahmen durch Vielklang brachten dem Label so viel Geld ein, dass damit auch die Gründung von City Slang bezahlt wurde…
Ellinghaus Auf jeden Fall. Ohne die würden wir hier jetzt nicht sitzen.

tip Aber wie kam jemand mit Geld einfach so dazu, Ihr Hobby zu finanzieren? Sie sind doch eigentlich als Student nach Berlin gekommen…
Ellinghaus …und als Bundeswehr-Verpisser. Ich hatte damals sehr wenig studiert, bin eher abgesumpft. In den Semesterferien 1987 stieg ich mit einem Kumpel als Tourmanager für die Chesterfield Kings ein. Fünf Wochen in den Ferien fuhr ich, den Rest er. Am Ende sind wir dann nicht bezahlt worden, weil die Agentur pleiteging. Aber wir hatten das Licht am Ende des Tunnels gesehen. Da haben wir uns ein Faxgerät geleast, das war damals so groß wie ein Fernseher, haben Faxe nach Italien oder Spanien geschickt: „Wir sind jetzt eine Agentur. Wir kennen uns doch. Schick uns mal Eure Bands.“ Und die haben sofort reagiert.

tip Und dann kam das Vielklang-Angebot.
Ellinghaus Ja, ich hatte zunächst eine Zusammenarbeit verworfen, aber kurze Zeit später kam diese Kassette von den Flaming Lips, die nach einem Label suchten. Und bei denen blieb es nicht. Viele von den Bands, die ich als Tourveranstalter gebucht hatte, Lemonheads, Bullet LaVolta, suchten nach einem Label.

Christof Ellinghaus_c_Oellermanntip Was sonst in Berlin passierte, war dabei unerheblich?
Ellinghaus In der Zeit, in der ich mit Flaming Lips und Yo La Tengo hantiert habe, marschierten ja immer mehr Leute den Ku’damm rauf und runter. Ich saß bei Vielklang und eine dünne Wand neben mir wurde die Loveparade musikalisch untermalt. Ab 17 Uhr waren die am Knöppedrehen und tanzten vor ihrem Mischpult – ab da wurde es schwierig mit dem Arbeiten. Und es war ja nicht meine Musik.

tip Trotzdem wird Ihr Name auch mit einer Berliner Band in Zusammenhang gebracht: Wir sind Helden.
Ellinghaus Wir sind Helden hatte mit City Slang gar nichts zu tun. Damals hatte ich zwei Hüte auf. Ich war auch noch Chef von „Labels“, einem Verbund europäischer Indie-Firmen. Und ich hätte die Helden niemals auf City Slang veröffentlicht, weil das stilistisch nicht reingepasst hätte. Denn was ich über zwanzig Jahre mit City Slang fast geschafft habe durchzuziehen: Ich möchte Platten machen, die Leute in London, Stockholm und Barcelona gut finden. Aber ich konnte sie für „Labels“ unter Vertrag nehmen. Und um mal mit einer Legende aufzuräumen: Ich habe sie nicht entdeckt, wie alle immer sagen. Hallo! Ich hab sie im Radio gehört! Wenn sie jemand entdeckt hat, dann war es ihr Produzent Patty Majer.

tip Der Helden-Erfolg hat Sie aber als Chef eines College-Rock-Labels zur Virgin geführt…
Ellinghaus Das war mein Einstieg in den Ausstieg. Die EMI und Virgin hatten sich ja „Labels“ und „Mute“ gekauft. Mute-Chefin Tina Funk und ich waren die jungen Neuen hier in Berlin, die auch noch Erfolg hatten, in München und Köln saßen die alten, langweiligen Musikindustriellen. Und dann kamen englische Konzernschergen mit der Schlussfolgerung: Ihr seid erfolgreich, also wickelt den Standort München ab. Das war 2003. Da habe ich gesagt: „Das ist eine dumme Idee, beides zu vermengen. Moby, Wir sind Helden, No­twist und Calexico geben uns eine Identität. Wenn wir jetzt Reamonn und Lenny Kravitz dazu nehmen, sind wir ein stinknormales Major-Label.“ „Na gut, wenn Ihr das nicht wollt“, lautete die Antwort, „dann wird eben München Euch abwickeln.“ Da habe ich dann um meine Vertragsauflösung gebeten.

tip Seither sind Sie längst wieder mit City Slang zugange, veröffentlichen Arcade Fire und auch The Notwist – stellt sich denn heute noch solch ein sensationelles Gefühl ein, wie Sie es bei der ersten Flaming Lips-Kassette empfanden?
Ellinghaus Klar, der schönste Moment ist doch der, wenn Dir eine Band eine Aufnahme schickt, oder Du siehst ein Konzert, wie ich damals das von Arcade Fire in einem kleinen Club in New York, und du drehst durch, so toll sind die. Das war am Anfang so und das ist auch jetzt noch so. Deshalb hast du auch gar keine Zeit für einen verklärten Blick auf die letzten 20 Jahre.

tip Dennoch haben Sie jetzt drei Tage den Admiralspalast gebucht…
Ellinghaus Na, feiern wollen wir aber schon. Mit Bands, die nett sind, in einem vergleichsweise intimen Rahmen und – ganz ehrlich – ich wollte ein paar von meinen Lieblingsplatten zur Aufführung bringen lassen. „Neon Golden“, „Feast Of Wire“, „Is A Woman“. Ich setze mich dann oben auf den Balkon neben meine Mutter – die wird in zwei Jahren 80 und kommt extra aus Beverungen – und genieße das alles. Das sind ja schließlich die Sachen, wegen denen man sich überhaupt von einem Jahr zum anderen lurcht.

Interview: Hagen Liebing

20 JAHRE CITY SLANG mit Calexico, Tortoise, Lambchop, The Notwist, Get Well Soon, Yo La Tengo, Broken Social Scene, Alexi Murdoch, Admiralspalast, Fr 19.11. bis So 21.11., jeweils 19.30 Uhr, Tagesticket: 37-42 Euro, Kombi-Ticket: 95 Euro

Mehr über Cookies erfahren