Konzerte & Party

Ein Interview mit Christoph Hagel

Christoph Hagel

tip Herr Hagel, wie setzen Sie Bachs populärstes Werk in Szene?
Christoph Hagel Wir haben bei der Beschäftigung mit dem Weihnachtsoratorium festgestellt, dass unheimlich viele Tanzformen enthalten sind. Für mich war klar: Man könnte eine Art Revue inszenieren.

tip Die Epoche des Barocks zeichnet sich durch Gegensätze aus – Memento Mori, das Vanitas-Konzept. Das heißt, dass auch das Bunte, das Farbige durchaus im Barock angelegt ist, aber als Sie zum Beispiel in Flying Bach Breakdance und klassische Musik zusammenbrachten, sorgte das erst einmal für eine Überraschung.
Christoph Hagel Ich kann mit Barock-Musik persönlich viel anfangen, sie ist also für mich heutig. Das ist für viele Menschen nicht so. Deshalb versuche ich immer, das Heutige in dieser Musik zu entdecken, was diese Musik mit der heutigen verbindet oder verbinden würde, und das, was sie eben nicht verbindet. Was die Tiefe ausmacht, Vanitas, Memento Mori, das ist zwar kein Thema heute in den Unterhaltungstempeln, aber genau das Interessante an der alten Musik. Dadurch, dass ihre Tiefe auf ein ganz anderes Heute trifft, kommt in meinen Augen das – sagen wir es einfach – Crossover zustande.

tip Das heißt, dass die Unterscheidung in U und E keinen Sinn macht.
Christoph Hagel Richtig. Und zu Flying Bach: die Genauigkeit im wohltemperierten Klavier korrespondiert mit der Schärfe im Breakdance. Als Musiker gehe ich dabei natürlich relativ stark von dem aus, was ich analytisch vorfinde. Manchmal ist das ziemlich pedantisch, ich hoffe auch, dass ich etwas lockerer werde, aber so kommen eben die Brücken zustande. Sie kommen eher aus der Praxis des Musikers.

tip Dennoch hat sich viel geändert, wenn es um die Möglichkeiten der Inszenierung geht. Sie haben im Vorfeld gesagt „Revue“ und „Weihnachtsoratorium“ klinge nach Skandal.
Christoph Hagel In Berlin nicht. In Berlin ist alles over-the-top. Man kann hier alles machen, und hat hier alles gemacht.

tip Ich erinnere mich an „Die Entführung aus dem Serail“ an der Komischen Oper vor drei Jahren, da gab es durchaus Empörungen. Diese wurden lautstark geäußert.
Christoph Hagel Richtig, das war einer der wenigen Skandale.

tip Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass das Berliner Opernpublikum nach wie vor sehr konservativ ist. Ich erinnere mich an Andrea Breth, die bei den Festspielen an der Staatsoper vor zwei Jahren „Lulu“ inszenierte und das im Schnitt sehr junge Publikum buhte sie aus, weil es offensichtlich andere Erwartungen gab.
Christoph Hagel Okay, das war dann aber nicht wegen eines Tabubruchs, sondern wegen des speziellen künstlerischen Ausdrucks.

tip Und es wurde eine andere Fassung verwendet.
Christoph Hagel Meinen Sie ernsthaft, dass das breite Publikum es merkt, wenn man in der „Lulu“ von Berg Striche oder Umstellungen macht?

tip Nicht?
Christoph Hagel Sicherlich nur wenige Musikaffine. In Berlin kann man daher nur sagen: Anything goes, das ist nicht das Kriterium. Man muss hier keine Mauern einreißen. Insofern kann es nicht die Qualität und das Ziel sein, einen Skandal zu provozieren. Es geht im „Weihnachtsoratorium“ vielmehr darum, dass sich die Plausibilität der Choreografie aus der Musik herleitet.

Foto: Oliver Wia

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