Konzerte & Party

Ein Interview mit Damon Albarn

Damon Albarn

tip Haben Sie beim Titelsong auch an den Kraftwerk-Klassiker „Wir sind die Roboter“ gedacht?
Damon Albarn Schon. Aber meine Roboter sind anders als ihre. Es sind keine elektronischen Droiden, sie sind organischer, menschlicher. Das Bild, das Fritz Lang in „Metropolis“ von Robotern zeichnete, stimmt so nicht mehr. Ich habe mir sein Bild des Maschinenmenschen genau angesehen. Visuell würde es zwar zum Song passen. Aber mit „Everyday Robots“ meine ich eigentlich uns selbst, so wie wir heute leben. Es ist wie bei C.S. Lewis, wo die Weiße Eishexe die Menschen zu Stein erstarren lässt – jeden in einer anderen Pose. Denn wir sind doch längst fremdgesteuert. Es ist verrückt, wie Smartphones innerhalb von einer relativ kurzen Zeitperiode unsere Leben komplett übernommen haben.

tip Die ersten drei Lieder der Platte scheinen generell ein Kommentar über die Art zu sein, wie in unserer Gesellschaft miteinander kommuniziert wird.
Damon Albarn Ja, sehr sogar. „Hostiles“ ist ein interessantes Stück diesbezüglich, denn ich bediene mich dafür der Charaktere gewalttätiger Computerspiele. Es ist doch verrückt, dass Menschen viele Stunden davor sitzen, um einfach nur zu töten. Es gibt nicht mal mehr eine Story oder irgendwelche Emotionen, die drumherum gebaut werden; es geht nur ums Auslöschen. Solche Spiele berühren einen sehr dunklen Teil der menschlichen Psyche und ursprüngliche Instinkte. Dabei schießen wir eigentlich nur auf uns selbst. Wir sind der Feind, der die Welt zerstört.

tip Computerspiele waren vermutlich nie eine Ihrer Süchte, oder?
Damon Albarn Nein, überhaupt nicht. Blur würden eher eine Tischtennismeisterschaft gewinnen! Deshalb steht die Tischtennisplatte hier auch so präsent mitten im Raum.

tip Meinen Sie, dass Sie sich seit den Britpoptagen sehr verändert haben?
Damon Albarn Ich bin ein bisschen erwachsener geworden. Das war’s auch schon. Ich lebe immer noch mein Leben in London. Es ist etwas strukturierter. Ich habe ein Studio. Ich habe eine Routine. Ich habe eine Familie. Ich stehe gerne morgens auf, und ich mag meine Arbeit. Ich mag es, abends nach Hause zu kommen und einfach nur abzuhängen. In der Essenz bin ich immer noch dieselbe Person. Ich habe nur ein paar Zähne verloren.

tip Und einen goldenen Zahn dazugewonnen.
Damon Albarn Genau! Als mir der Zahn ausfiel, war ich gerade mit den Gorillaz beschäftigt und fand, ein Goldzahn würde die Lücke gut füllen.

tip Mit den Gorillaz haben Sie auch in Amerika riesige Erfolge gefeiert. Hat Sie das überrascht?
Damon Albarn Absolut. Die Gorillaz sind ja wirklich nur aus einer spontanen Idee heraus entstanden. Es fing an mit zwei Menschen, die auf dem Sofa saßen und beschlossen, eine Band zu gründen. Der eine verzog sich in sein Atelier und zeichnete Cartoon-Helden, der andere schrieb die Musik für die Band. Dass es dann so groß wird, hätten wir beide nicht angenommen.

tip Haben Sie sich auch diesmal neu erfunden?
Damon Albarn Nun, es ist der gleiche Maler mit einer anderen Palette von Farben, wenn man so will. Es gab auch in der Vergangenheit nicht nur einen Damon, es existierten vier bis sechs. Und nun sind es sogar sieben Damons. Also einer mehr!

tip Was können wir denn von Ihrem Konzert in Berlin erwarten?
Damon Albarn Mindestens drei Damons. Denn ich werde nicht nur meine Solosongs, sondern auch welche von Blur und den Gorillaz spielen.

tip Und dann singen Sie uns die deutschen Worte „Du bist sehr schön“ beim Blur-Hit „Boys & Girls“?
Damon Albarn Von meinen Deutschkenntnissen ist in der Tat einiges hängengeblieben. Deutsch ist immer noch die einzige Sprache, in der ich mir behaglich ein Bier bestellen kann. Wenigstens das. Sonst hapert es nämlich bei mir mit Fremdsprachen.

Interview: Katja Schwemmers

Foto: Linda Brownlee

CD: Damon Albarn „Everyday Robots“ (Parlophone/Warner)

Konzert: Astra, 30.6., 21 Uhr, 30 Euro zzgl. Gebühr

zurück | 1 | 2

Mehr über Cookies erfahren