Konzerte & Party

Ein Interview mit den Beatsteaks

Beatsteaks

tip Ihr wart kürzlich in der „Bravo“ als Mittelposter abgebildet – ist das noch Punkrock?
Peter Baumann Echt jetzt? Wann war das? Das weiß ich ja gar nicht. Wirklich? Ist ja der Knaller. Wir sind noch relevant! Vielleicht war ich krank oder auf Toilette, als das entschieden wurde, aber das ist ja der Hammer! (ruft ’rüber: „He, wusstest Ihr, dass wir in der ‚Bravo‘ waren?“ Allgemeines Erstaunen und Ungläubigkeit. Manager Eric: „Was? Echt?“ Gitarrist  Bernd: „Waren wir? In der ‚Bravo‘?“ Schlagzeuger Thomas: „In dem Alter? Da war ich wahrscheinlich nicht mit drauf.“ Sänger Arnim wird gefragt, ob er davon wusste – er nickt grinsend.)

Nachdem sich die Aufregung gelegt hat:
Peter Baumann Das ist natürlich kein Punkrock, aber ich finde, wir haben uns den trotzdem bewahrt – in der Art und Weise, wie wir die Sachen so angehen. Nicht drei Akkorde und gegen das System, aber irgendwie anders.

tip Das mit der „Bravo“ zeigt jedenfalls, dass Ihr einem breiten Publikum aller Altersstufen bekannt seid. Das trifft ja auch auf eure Musik zu, die eine große Bandbreite hat mit Pop-, HipHop- und Reggae-Bezügen …
Peter Baumann Ja, Arnim fragt uns immer gerne nach dem Stempel, den man draufdrücken würde, oder unter welcher Rubrik man die Platten einsortieren müsste … und dann stellen wir fest, dass als grobe Richtung immer noch Rock stimmt, wir uns aber ansonsten unsere eigene Schublade gebastelt haben. Da passt ganz schön viel rein, eben alles, was man mit drei Gitarren, Bass und Schlagzeug so machen kann.

Beatsteakstip Aber beim neuen Album habt Ihr eine Kehrtwende eingeläutet und setzt euch brachial vom Mainstream ab. „Beatsteaks“ ist eure derbste Platte bislang.
Peter Baumann Ja, das ist schön, dass du es so siehst, finde ich auch. Aber das haben wir nicht bewusst gemacht. Wir wollten einfach nur nicht groß nachdenken. Wollten uns nicht mit so viel Quatsch befassen, nicht unsinnig rumdiskutieren. Der Unfall von Thomas hat das alles runtergeschrumpft aufs Wesentliche. Wir haben nicht hinterfragt, sondern einfach gemacht, ohne Doppeln und Schminken und Computer – ganz einfach und roh. Wie früher.

tip Also war der Vorgänger „Boombox“, das  Nummer-eins-Album von 2011, anders entstanden?
Peter Baumann Bei „Boombox“ hatten wir viel Zeit zu überlegen, die Platte haben wir im Proberaum gemacht, wir konnten zu jeder Tages- und Nachtzeit hin und Sachen verändern oder noch mal neu aufnehmen. Das neue Album ist die Gegenreaktion darauf – wir wollten schnell auf den Punkt kommen. Oft fragt man sich am Ende, wo die schönen Ecken und Kanten von den ersten Demos abgeblieben sind … diesmal sollte nichts ausgefeilt werden.

tip Stimmt es, dass Ihr in Nullkommanichts damit fertig ward?
Peter Baumann Ja, wir wollten eigentlich nur ein paar Demos „de luxe“ aufnehmen. Moses Schneider, unser Produzent, hatte zwar ein richtiges Studio gemietet (den Schaltraum in der Nalepastraße), aber nur für zehn Tage, um mal „richtig gute Demos“ aufzunehmen. Wir dachten schon, dass da vielleicht was abfallen könnte, was man so lassen kann, aber wir ahnten nicht, was wir für einen Lauf haben würden. Nach den zehn Tagen hatten wir elf Songs fertig aufgenommen und waren euphorisch. Ich bin jeden Tag mit einem neuen Lied nach Hause geradelt und dachte: „Mensch, ist das geil, das wird ja immer besser.“

tip Du hast angedeutet, dass der Unfall von Thomas (Sturz im Proberaum von der Leiter, Schädel-Hirn-Trauma und Knochenbrüche im August 2012) die Beatsteaks verändert hat. Inwiefern?
Peter Baumann Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie wir nachts um zwei vor der Notaufnahme gestanden haben und nicht gut aussahen. Wir wussten überhaupt nicht, was jetzt passiert mit uns, ob es überhaupt noch mal was wird. Da ging nicht nur ein Ruck durch jeden Einzelnen, sondern auch durch die Kapelle. Ohne dass wir darüber Aufsätze geschrieben hätten, wussten wir plötzlich, dass alles limitiert ist, man nichts für selbstverständlich nehmen kann. Dass wir bislang viel Glück hatten. Leute, lasst es uns bloß festhalten, wenn es da ist! Wir haben uns nicht mehr mit unwichtigen Sachen aufgehalten – wir wollten einfach nur zusammen Musik machen und fertig.

Beatsteakstip Ihr habt eure Songs von international bekannten Produzenten mixen lassen, wie kam es dazu?
Peter Baumann Weil wir bei der Produktion so heimlich und schnell waren und nur so wenig Geld verpulvert haben, dachten wir, beim Mixen könnten wir nun ruhig mal ein Regal höher greifen und einfach unsere Lieblingsmixer anfragen. Wohl  wissend, dass es wahrscheinlich nicht klappt, weil die Gegenfrage kommt „Wer seid Ihr denn?“ Oder sie haben keine Zeit oder kosten ’ne halbe Million. Aber es hat geklappt. Alle drei Angefragten haben mitgemacht: die Engländer Nick Launay (Silverchair, Nick Cave) und Stephen Street (Smiths, Blur) und der Amerikaner Joe Barresi (Tool, Fu Manchu, L7). Die waren alle drei begeistert.

tip Warum trägt das neue Album keinen eigenständigen Titel? Steckt dahinter eine Message, wenn eine Band ihre sechste Platte nur nach sich selbst benennt?
Peter Baumann Ja, denken alle, aber war nicht so geplant. Wir wollten einen Titel, aber haben keinen gefunden. Und als das Titelsuchen länger dauerte als die ganze Aufnahme, fanden wir, es reicht.  Ist doch schön mit dem Schwarz-Weiß-Foto und der Schrift, alles Weitere würde stören. Auch wenn da jetzt was reininterpretiert wird  (Ah, self-titled Album – jetzt haben sie sich gefunden), ist dem nicht so. Uns sind nur die Ideen ausgegangen. Die sind alle auf dem Album gelandet, für den Titel hat es nicht mehr gereicht.

tip Muss man befürchten, dass Ihr nach diesem „Schnellschuss-Album“ und der ausgiebigen Tour wieder eine längere Pause braucht? 2009 hattet Ihr doch mal …
Peter Baumann Ja, ein Jahr lang haben wir mal nüscht gemacht. Aber das fand im Nachhinein keiner gut. Schon nach ’nem Monat fing das Däumchendrehen an. Wir haben uns fest vorgenommen, dass wir das nie mehr machen. Ein Jahr Pause braucht niemand. Es ist ja nicht so, dass ich mich tierisch erholen müsste von dem Job. Das ist doch mein Leben und macht mir Spaß. Geht was raus an Energie, kommt aber auch was rein.

Interview: Anja Caspary
Foto oben: Birte Filmer
Foto mittig und unten: Ute Langkafel

Beatsteaks: Beatsteaks, Warner, VÖ: Fr 01.08.2014

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