Konzerte & Party

Ein Interview mit Gunter Gabriel

Gunter Gabrieltip Aber Sie sind doch seit  Jahrzehnten im Geschäft, das übt doch sicher?
Gabriel Klar, ich kann heute aus dem Handgelenk fünf bis sechs Stunden ohne Pause spielen, ist doch klar nach all den Jahren. Ich hab mit 15, 16 angefangen, auf der Bühne zu stehen. Das merkst du schon. Aber ich war mehr ein Erfinder. Wie viele Musiker können sensationell singen, aber kriegen keinen Song auf die Beine? Cash hat keine Supergitarre gespielt. Brauchte der auch nicht. Denn er konnte super Songs schreiben. Nick Cave ist auch kein sensationeller Piano-Player, aber er hat geile Songs gemacht. Ich selber steh auf Zeilen.

tip Ein Ergebnis Ihrer Arbeit als Lohn-Songschreiber?
Gabriel Sicher. Als ich hier in Berlin anfing, Anfang der 70er als Songschreiber, da muss­ten wir Zeilen anbieten. Frank Zander war ja mein Gitarrist damals. Egon Balder war auch dabei. Wir sind alle unseren eigenen Weg gegangen und alle irgendwie was geworden.

tip Sehen Sie die beiden noch manchmal?
Gabriel Selten. Wir haben uns auch entfernt. Ich könnte so wie Frank gar nicht leben, da würde ich durchdrehen. Ich habe mich ganz weit von all dem weg ent­wickelt, worüber ich ganz glücklich bin. Ich bin reich … (Kunstpause) …, aber nicht an Knete. Ich lebe auf einem Hausboot, und es ist einfach ein Hammer, so zu leben im Hamburger Hafen zwischen all den Ozeandampfern und der Werft. Das entspricht genau meinem Wesen. Aber wie viel Umwege ich dafür machen musste. Da bin ich nur hingekommen durch den ganzen anderen Scheiß, den ich erlebt habe.

tip Aber diese Umwege sind schließlich Ihre Geschichten, Ihr Kapital, oder?
Gabriel Klar. So sind ja auch die großen Bluessongs entstanden, durch Tragik. „You Ain’t Nothing But A Hound Dog“ ist ja auch nur ein Song, den irgend so ein Blödmann aus seinem Frust heraus geschrieben hat. Die Quelle ist der Frust, wenn dir die Alte abhaut, wenn du gefeuert wirst, wenn du keinen Erfolg im Leben hast, wenn du Schulden hast.

tip Ist Ihr Comeback nun eine Genugtuung gegenüber denen, die Sie nur noch in Boulevard-Skandalen sahen?
Gabriel Genugtuung ist nicht das richtige Wort. In diese Boulevard-Geschichte habe ich mich ja  selber hineinlaviert. Ich habe den Leuten den Stoff gegeben. Ich war pleite 1983, 84. Ich weiß nicht,ob du das kennst, wenn dich dein Banker anruft und sagt: Du hast um 800.000 Mark überzogen, die musst du bis nächste Woche zurückzahlen.

tip Nein, das Gefühl kenne ich nicht. Wie kriegt man das hin?
Gabriel Tja, ich bin einfach zu blöd gewesen, um gewisse Sachen zu prüfen und zu hinterfragen. Ich kam aus der studentischen Zeit, da hatte ich 500 oder 800 Piepen in der Tasche. Und als es mit der Musik abging, haben wir 100- bis 200.000 im Monat gemacht. Mit einem Mal kam die Schütte, und ich hatte fast Angst davor, hab es so schnell es geht wieder rausgehauen. Am Ende kam der Banker und sagte: Jetzt biste dran, zehn Millionen Mark über den Jordan – das hat gedauert, bis ich das überhaupt frustfrei akzeptieren konnte. Frustfrei, das hieß: aggressionsfrei. Das hieß auch, Hände weg von der Whis­keyflasche. Die war lange mein ständiger Begleiter. Ein paar Umwege mit meiner Alten und irgendwelchen neuen Frauen, und dann zehn Jahre im Wohnwagen, das musste auch erst mal durchstehen. Da finde ich es schon klasse, dass ich zum Ende meines Lebens noch mal dieses Podest kriege.

tip Und was tun Sie da oben?
Gabriel Das, was mich letztlich am Leben gehalten hat. Ich habe irgendwann aufgehört, nachts durch die Kneipen zu ziehen und habe stattdessen Bücher gelesen. Ich habe heute meine Bücher, meine Musik, meine Songs und die Songs von Cash oder Buffy St. Marie. Das macht mich glücklich, das macht mich reich. Und die an­deren Blödmänner können sagen: Ich fahr jetzt in Urlaub – scheiß drauf! Oder sie sagen: Ich bau mir jetzt ’ne Villa – scheiß drauf, brauch ich nicht! Darum sag ich immer den jungen Bengels: Reiß dein Maul nicht so auf, du bist am Anfang, im Tal. Ich hab den Weg schon hinter mir, ich sitze oben aufm Berg.

Interview: Hagen Liebing

Fotos: Sven Sindt

Gunter Gabriel
CD: „Sohn aus dem Volk – German Recordings“ (Warner)
Buch: „Wer einmal tief im Keller saß„, edel:vita, 256 Seiten, 19,95 Euro

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