Konzerte & Party

Ein Interview mit Gunter Gabriel

Gunter Gabrieltip Herr Gabriel, Ihr neues Album mit Coverversionen erinnert in seiner Machart schon sehr an die Methode, mit der die Karriere von Johnny Cash einst einen unerwarteten Aufschwung erlebt hatte …
Gunter Gabriel Klar war dies eine absichtliche Anlehnung. Meine Stimme ist ebenfalls besser geworden, ist geiler geworden, die Songs sind tiefer geworden, ich bin ja auch älter geworden, hab was zu erzählen. Zudem war Cash eine ziemliche Zentralfigur in meinem Leben. Wir kannten uns immerhin 25 Jahre.

tip Das Rezept von Cash-Produzent Rick Rubin basiert ja auf der Erkenntnis, dass sich ein Künstler über Jahrzehnte von dem entfernt, was er am Besten kann, und er ihn einfach nur darauf zurückführen, reduzieren muss…
Gabriel Ich habe ja immer versucht, reduzierte Songs zu schreiben: drei Harmonien, Ende. Schließlich geht es ja um die Inhalte, Cowboy-Songs sind eben Story-Songs.

tip Sie singen diesmal aber keine Cowboy-Songs, Sie spielen „Creep“ von Radiohead mit deutschem Text, auch Lieder von Klee und Nick Cave.
Gabriel Das sind keine Klassiker im gewohnten Sinne, die hier gecovert werden, sondern: Der mit­t­lerweile 69 Jahre alte Gun-
ter Gabriel spielt Lieder von relativ jungen deutschen und internatio­nalen Künstlern, deren Geschichten aber genau zu mir passen.

tip Vor dieser Platte war es ziemlich ruhig um Sie geworden. Wodurch hat sich das geändert?
Gabriel Das kam durch diese Wohnzimmertour, die ich vor drei Jahren spontan im Fernsehen angekündigt hatte.

tip Moment, das muss ich kurz für die Leser erklären: Sie hatten 500.000 Euro Schulden und waren in einer Talkshow zum Thema „Pleiten“ zu Gast. Dort hielten Sie spontan ihre Telefonnummer in die Kamera. Wer 1000 Euro zahlte, konnte Sie direkt fürs eigene Wohnzimmer buchen …
Gabriel Und das haben auch zwei Leute aus dem Business gesehen, erstmal Werner v. Moltke, den traf ich dann ein paar Wochen später in einer Raststätte an der A3. Und dann Rita Flügge-Timm, die sich auch um das letzte Album von Udo Lindenberg gekümmert hat. Und so ist diese Idee entstanden, keine Malochersongs mehr zu machen, sondern gute Coversongs. Aber welche, welche, welche? Denn wir haben ja im Gegensatz zu Cash das Problem, wir können sie nicht einfach singen, wir müssen sie erst übersetzen.

tip Es sind doch auch deutschsprachige Originale dabei …
Gabriel Aber es ging darum, welche sich überhaupt eignen, welche zu einem Leben wie meinem passen. In Deutsch waren das nicht so viele.

tip Einer davon ist „Haus am See“ von Peter Fox. Warum der?
Gabriel Nicht weil das grad ein Hit ist, das wusste ich ja damals noch gar nicht. Sondern: Was hat er gesagt mit diesem Song? Wo ist die Lösung? Die ist im letzten Satz: „Hier bin ich geborn, hier werd ich begraben. Wenn ich so daran denke, kann ichs eigentlich kaum erwarten.“ An diesem Punkt bin ich jetzt gerade, ich schaue auf ein geiles Leben zurück. Das ist die Ernte. Die Ernte ist doch das Geile. Nicht das Pflügen.

Gunter Gabrieltip Sie können aber schon von Glück reden, dass Ihre jetzigen Partner so angetan waren, als sie Sie im Fernsehen sahen. Die hätten ja auch sagen können: Mann, ist der runtergekommen, den kannst du vergessen …
Gabriel Das haben noch genug Leute gesagt.

tip Wer hat denn letztlich angerufen, um Sie zu buchen?
Gabriel Das ging quer durch die Republik. Vorwiegend natürlich Leute aus dem Arbeitsprozess, meistens welche, die früher Malocher waren und sich inzwischen hochgearbeitet haben, mit einem Baugeschäft oder einer Dachdeckerei. Banker, Architekten und Ärzte waren auch dabei.

tip Wie groß war das Feedback?
Gabriel Ich hatte über 2000 Anrufe, in einem Jahr war ich meine Schulden los. Aber es geht weiter. Obwohl meine Plattenfirma sagt: Bitte nicht, wir wollen jetzt lieber große Tourneen buchen. Aber diese Nächte, diesen Luxus, den gönne ich mir weiter.

tip Direkt bei den Leuten zu Hause?
Gabriel Ja, das ist so gewollt. Leider hat es sich inzwischen etwas anders entwickelt. Dass die Leute nämlich die ganze Verwandtschaft einladen. Ursprünglich war das für 20 bis 30 Leute gedacht, ohne Mikro. Aber inzwischen artet es schon aus. Österreich, Schweiz, Gaststätten etc. Heute ist es schon so, dass die sich die Termine abjagen. Aber das ist ein Ding, das werde ich durchziehen, bis ich tot bin, weil, es ist einfach einmalig. Und letzten Endes ist das ja auch der Grund gewesen, warum ich jetzt hier sitze und diesen verdammten Plattenvertrag habe.

tip Früher waren Sie mit der Band Nash­ville Playboys unterwegs und spielten Country …
Gabriel Die Jungs sind auch schon in die Jahre gekommen. Es reicht, wenn ein alter Sack vorne steht. Mit den neuen Leuten war ich im Studio, die haben halt auch die ganzen neuen Songs drauf. Ich selber sehe mich dabei gar nicht groß als Musiker, ich bin ein Storyteller.

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