Konzerte & Party

Ein Interview mit Hanin Elias

Fantome

tip Die Song-Titel auf dem Album verweisen auf die ganz großen Themen: Liebe, Freiheit, Spiritualität…
Hanin Elias Das ist unabsichtlich so entstanden, aber es kontrastiert schon die Themenfelder, die wir davor mit unseren Bands beackert haben und deutlich politischer gelagert waren.

tip Die Texte bilden Situationen ab, die vertraut erscheinen. Ohne das Slogan-hafte von Atari Teenage Riot und Die Krupps enthalten sie trotzdem Beobachtungen von gesellschaftspolitischen Umbrüchen.
Hanin Elias Das freut mich. Die Texte entstanden oft aus einem bestimmten Gefühl heraus, basieren auf Momentbeschreibungen als Ausgangspunkt.

tip Nachdem du Atari verlassen hattest, veröffentlichtest du Solo-Platten. Welcher Impuls führte dich dazu, es wieder als Band zu versuchen?
Hanin Elias Ich habe immer mit Leuten zusammen gearbeitet, weil ich kein Instrument spiele. Aber ich weiß, wie etwas klingen soll. An dieser Stelle kommen dann andere Musiker ins Boot, die aber wiederum auch Einfluss auf meine kompositorischen Vorstellungen haben. Marcel und ich kennen uns seit 2004. Damals suchte ich einen Drummer für meine Band und irgendwann merkte ich, dass er nahezu jedes Instrument wirklich gut beherrscht. Das erste Lied,  das wir zusammen schrieben, war „Song for God“, und das war wirklich genau vor zehn Jahren. Der Schreibprozess flutschte, aber zu Marcels Entsetzen bin ich nach Französisch-Polynesien.

tip Was inmitten des Pazifiks liegt. Wie lange lebtest du dort und wovon?
Hanin Elias Insgesamt waren es fünf Jahre auf einer kleinen Insel als Selbstversorger. Aber dann waren die Kinder unterfordert auf der Inselschule. Ich dachte, ich müsse dann wohl zurück, damit sie nicht nur fischen und surfen können, sondern auch noch ein paar andere Sachen. Also ging es wieder nach Berlin und peu а peu entstanden die Songs für das Album. Von den Plattenfirmen gab es jedoch reihenweise Absagen.

tip Die Songs zeichnet eine enorme Leichtigkeit aus, ein anderer Blick als auf früheren Platten. Ist das Deiner Zeit in Französisch-Polynesien geschuldet?
Hanin Elias Genau, das kommt natürlich daher.

tip Womit hast du dich auf der Insel beschäftigt?
Hanin Elias Zum einen habe ich das Gefühl, dort endlich zu mir gekommen zu sein. Aber das klingt so groß, so abstrakt. Ganz konkret: Ich habe dort gelernt, wie man Riesenkartoffeln pflanzt. Diese Sorte kennt hier kein Mensch. Allein die Setzlinge sind halb so groß wie ein Mensch. Die werden eingepflanzt und wenn man sie nach neun Monaten ausbuddelt, sind sie groß wie eine Riesenskulptur. Ich habe an Wettbewerben teilgenommen, bei denen es um die größte Riesenkartoffel ging. Ich habe das mit sehr viel Leidenschaft durchgezogen und etliche Urkunden gewonnen. Mein Geheimnis war, dass ich eine Antibabypille mit einbuddelte und der Kartoffel Musik vorgespielt habe.

tip Welche Art von Musik?
Hanin Elias Meistens klassische Musik. Ich dachte, das mögen die.

tip Und es hat geklappt!
Hanin Elias Und wie! Vielleicht sollte ich noch dazu sagen, dass es auch da unten voll der Horst-Sport ist. Die Typen, die das machen, sehen selbst aus wie Riesenknollen aus und das war echt witzig.

tip Fiel es Dir schwer von Berlin auf eine Südsee-Insel zu ziehen?
Hanin Elias Überhaupt nicht. Ich hatte zu dem Zeitpunkt einen echten Berlin-Koller. Ich wusste zu dem Zeitpunkt, dass ich von der Musik definitiv nicht leben kann und wollte noch einmal etwas Neues beginnen. Das Ankommen dort war sehr lässig: Die laufen wirklich alle mit diesen Hawaiihemden herum und tragen Pareos. Ich lernte schließlich, wie man mit einer Harpune Fische fängt und wie man Vanille und Avocados pflanzt. Eigentlich hätte ich mir den Rest des Lebens so vorstellen können. Ich war so erschöpft von Berlin und diesen Riesen-Egos im Musikbusiness. Aber nach fünf Jahren waren die Akkus wieder aufgeladen und ich hatte Lust auf Berlin.

tip Wie wirkte denn 2011 die Stadt auf dich?
Hanin Elias Ich habe Berlin gar nicht wiedererkannt. Ursprünglich wollte ich wieder nach Kreuzberg ziehen, aber die Mieten waren so hoch. Das konnte ich mir nicht leisten. Außerdem kannte ich keinen der neuen Clubs. Ich irrte staunend durch die Straßen. Ich kam mitten im Winter an, aber besaß keine passenden Klamotten. So lief ich in Shorts und Latschen umher, musste Hartz IV beantragen und musste zu meinen Eltern ziehen. Letztlich bin ich dann im Prenzelberg gelandet.

tip Und wahrscheinlich auch ein neues Netzwerk aufbauen…
Hanin Elias Ich musste erst einmal kapieren wie das Musikbusiness nunmehr läuft.

tip Was ist denn der größte Unterschied zwischen Anfang der 2000er und jetzt?
Hanin Elias Es wird mehr Musik auf den Mark geschwemmt. Viele Projekte und Künstler vertreiben sich selbst. Einerseits ist das gut, andererseits wird es immer schwerer, sich auf das Künstlerische zu konzentrieren, wenn du als Musiker dich für alles verantwortlich zeichnest.

tip Die Gewinne durch Tonträger-Verkäufe sind stark rückläufig. Aber die Live-Präsenz war Dir ohnehin schon immer wichtig?
Hanin Elias Unbedingt! Trotzdem war es bei dieser Platte anders: Es war sehr seltsam, als ich da auf der Bühne stand und direkt aus meinem Herzen gesungen habe, statt irgendwelche Slogans den Leuten vorzuschmettern. Ich fühlte mich sehr nackt und befürchtete, dass gleich einer ruft: „Ey, Atari!“ Aber das passierte nicht. Das musikalische Konzept ging auf.

tip Insofern hat sich der Albumtitel „It All Makes Sense“ bewahrheitet!
Hanin Elias Dabei sah es am Anfang gar nicht danach aus. Bei den Plattenfirmen galt ich als Riot-Girl und als ich das neue Platte anbot, war die Frage: Wie sollen wir dich denn vermarkten? Hätte ich mit Atari so weitergemacht – alles zu negieren und alles nur Scheiße zu finden – wäre aus mir ein anderer Mensch geworden. Ich könnte somit viele Dinge gar nicht wertschätzen Ich glaube, dass man sehr viel vom Unterbewusstsein geleitet wird, und somit viel weniger zufällig ist.

Interview: Ronald Klein

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